Kinder aus dem Haus: Warum manche Paare sich verlieren

Kinder aus dem Haus: Warum manche Paare sich verlieren

Viele Beziehungen funktionieren im Familienalltag über viele Jahre gut. Beruf, Haushalt und die Erziehung der Kinder sind organisiert. Mit jedem Jahr passen sich Eltern an die Entwicklung ihres Nachwuchses an. Die Babyzeit, der Kindergarten und die Jahre in der Schule bringen neue Herausforderungen, die viele Paare meistern, ohne dass es zu nennenswerten Schwierigkeiten kommt. Der 18. Geburtstag wird gefeiert, der Schulabschluss und der Beginn von Ausbildung oder Studium. Plötzlich, so kommt es vielen Eltern vor, möchten Sohn oder Tochter ausziehen. Zurück bleiben ein leeres Kinderzimmer und Eltern, die ihre wichtigste Aufgabe verloren haben. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt für die Eltern ein neuer Lebensabschnitt. Warum fällt es einigen Paaren so schwer, die Zeit zu Zweit wieder intensiv zu genießen?

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Von der Elternzeit in die Zweisamkeit

33 Jahre und fünf Monate. Das ist der Zeitraum, in dem wir Eltern von mindestens einem Kind waren, das noch nicht volljährig ist. Wir haben vier Söhne: als der Jüngste geboren wurde, war der Älteste 14 Jahre alt. Eine Zeit als Paar kannten wir nicht. Fünf Monate nach unserem Kennenlernen wurde ich schwanger. Zu diesen Zeitpunkt trennten 200 Kilometer unsere Elternhäuser voneinander. Als wir zusammenzogen, war unser Ältester drei Wochen alt.

Mit vier mehr oder weniger lebhaften Jungs hatten wir laute, turbulente und vor allem sehr schöne Jahre. Ich studierte, arbeitete als Freiberuflerin und hatte viel Zeit für meine Mutterrolle. Mein Mann arbeitete im Schichtsystem, er hatte einen langen Anfahrtsweg. Doch wenn er zu Hause war, standen die Kinder im Mittelpunkt. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass dieses Leben einmal zu Ende sein könnte.

Plötzlich ist der Jüngste ein Teenager

Mit 21 Jahren zog unser Ältester aus. Der Zweite war 23 Jahre alt, den Dritten zog es mit 19 weg vom Elternhaus. Unser Jüngster ist heute Mitte 20, er lebt noch bei uns. Aber er ist kein Kind, um das wir uns kümmern. Er ist eigenständig.

Wir sprechen ab, wann wir zusammen Abendbrot essen. Er übernimmt Aufgaben in Haus und Garten und zahlt einen Anteil an den Kosten. Wir respektieren uns gegenseitig. Es funktioniert wunderbar. Doch es wird der Tag kommen, an dem auch das Nesthäkchen seine Sachen packt. Dann leben wir nach mehr als 40 gemeinsamen Jahren zum ersten Mal allein. Ich denke, das bekommen wir gut hin.

Vor etwa zehn Jahren, er war ein Teenager, begann bei uns das sogenannte „Empty-Nest-Syndrom“ seine Wirkung zu zeigen. Die großen Brüder waren aus dem Haus, der Kleinste feierte seinen 13. Geburtstag. So plötzlich waren sie alle groß.

Natürlich war es gar nicht plötzlich, auch unsere Kinder hatten nur alle 365 (oder 366) Tage Geburtstag. Aber wer Kinder hat, versteht sicher, was ich sagen möchte: Die Jahre zwischen der Geburt und dem 18. Geburtstag eines Kindes scheinen im Rückblick rasant zu verfliegen.

Zwischen Alltag, Schule und dem täglichen Kleinklein kam es uns vor, als wäre unser Jüngster vom Krabbelalter direkt auf den 13. Geburtstag übergesprungen. Ich war 17, bei der Geburt meines Ältesten, und wohnte noch bei meinen Eltern. Mein Mann, ein Jahr älter als ich, ebenso. Ein Leben als Paar mit eigenem Haushalt kannten wir nicht.

Es gibt ein Leben nach den Kindern

In der Coronazeit feierten wir zwischen den Lockdowns einen dreifachen Geburtstag: Unser Jüngster wurde 18, sein älterer Bruder 30 und ich feierte meinen 50. Nun hatte ich erwachsene Kinder. In meiner Generation liegt die Lebenserwartung für eine Frau bei 83 Jahren. Somit liegt noch ein Stückchen Weg vor mir, wenn ich gesund bleiben darf. Mit dieser Einschränkung denke ich, weil mein Vater mit 51 Jahren starb. Heute habe ich ihn schon um einigen Jahre überlebt.

Als Mutter von vier erwachsenen Söhnen blickte ich nicht nach vor, sondern nur zurück. Ich war von dem großen leeren Haus genervt und merkte sehr schnell, dass mein Mann und ich nicht mehr die Teenager waren, die 33 Jahre zuvor ihr erstes Baby bekommen hatten.

Es gibt ein Leben nach den Kindern, doch es ist nicht mehr das Gleiche, das wir Eltern vorher gelebt haben.

Die Länge der Zeit als Eltern ist nicht entscheidend

Wir teilten unsere Probleme mit engen Freunden und hörten verschiedene Meinungen. Die einen sagten, dass wir für einen sehr langen Zeitraum Eltern gewesen waren. Wer nicht so viele Kinder oder nur einen kleinen Altersabstand hat, findet schneller zueinander.

Das konnten wir nicht bestätigen. Eine Freundin bekam ihre Kinder mit einem Altersabstand von 16 Monaten. Es war wie bei uns eine Blitzliebe. Nach wenigen gemeinsamen Wochen war sie schwanger. Noch bevor sie abgestillt hatte, war das zweite Kind unterwegs. Ihr Mann und sie waren nicht einmal 20 Jahre Eltern. Doch die Zeit danach überstanden sie nicht. Sie ließen sich scheiden. Nicht die Länge der Elternzeit ist entscheidend, sondern ob aus Vater und Mutter wieder ein Paar werden kann.

Ihr hättet vorher miteinander leben sollen

Auch das ist ein gut gemeinter Ratschlag. Hätten wir vor der Geburt unseres ersten Kindes zusammengelebt, würde uns die Zeit jetzt leichter fallen. Doch auch das kann ich nicht bestätigen. Im erweiterten Bekanntenkreis lebt ein Paar, das sich im gleichen Jahr kennenlernte wie wir. Beide sind in unserem Alter und waren ebenfalls Teenager. Doch sie warteten zehn Jahre, bis sie ihr erstes Kind bekamen. In dieser Zeit zogen sie von ihrer kleinen brandenburgischen Heimatstadt nach Berlin, verdienten gutes Geld und genossen die unabhängige Zeit in ihrer eigenen Wohnung.

Heute sind die Kinder Mitte 20. Die Mutter versucht mit vielen Freiheiten zu verhindern, dass sie ausziehen. Der Ehemann hatte sich auf die gemeinsame Zeit gefreut. Er hoffte, dass es wieder so werden könnte, wie am Anfang der Beziehung. Doch beide waren ein Vierteljahrhundert älter. Die Ehefrau nahm zwei Hunde in die Familie auf. Beide lebten zusammen, aber sie hatten sich vollkommen verloren. Keiner von beiden war bereit, an der Beziehung zu arbeiten.

Ein gemeinsames Leben vor den Kindern ist demnach auch kein Rezept für ein gutes Zusammenleben, wenn der Nachwuchs erwachsen ist. Gibt es denn überhaupt eins? Ich meine, nein. Paare sind so unterschiedlich. Jedes muss für sich einen Weg finden. Gemeinsame Interessen sind wichtig. Das Einlassen aufeinander und die Gabe, miteinander zu reden und zuzuhören, was den anderen bewegt.

Wir müssen unsere Kinder loslassen

Meine Tante sagte, dass wir unsere Kinder nur ein Stück unseres Lebens begleiten. Dann müssen wir sie ziehen lassen. Sicher kam dieser Spruch nicht von ihr. Sie hat ihn irgendwo gelesen.

Es gibt zwei Dinge, die wir unseren Kindern mitgeben sollten: Wurzeln und Flügel.

Unbekannter Verfasser, oft wird das Zitat Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben

Unabhängig davon, wer diese Worte gesagt hat und wann das gewesen war: In ihnen steckt sehr viel Wahrheit. Wenn Kinder klein sind, brauchen sie Zeit, Liebe und ein harmonisches Elternhaus. All das ist in unserer schnelllebigen Zeit nicht immer einfach zu realisieren. Frauen sind berufstätig, es gibt nicht selten weite Arbeitswege und Schichtdienst.

Werden die Kinder älter, müssen wir sie loslassen. Noch mehr: Wir müssen sie ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Es hilft weder uns noch ihrer Entwicklung, wenn wir sie festhalten. Es kommt bei den meisten Kindern der Tag, an dem der gemeinsame Weg zu Ende ist. Und das sollten wir als Eltern fördern. Es ist kein guter Weg, wenn wir das Kind bis an unser Lebensende an uns binden.

Ein Mann lebt mit seiner Mutter zusammen

Meine Schulfreundin wohnte in einem Mehrfamilienhaus. Über ihr wohnte ein Ehepaar mit einem erwachsenen Sohn. Er war um die Zwanzig und lebte in seinem halben Kinderzimmer. Als Facharbeiter für Datenverarbeitung hatte er eine gute Ausbildung. Später qualifizierte er sich weiter und arbeitete als Computerfachmann in der Verwaltung.

Seine Mutter hatte ein wirklich einnehmendes Wesen. Sie lernte mich im Treppenhaus kennen, als ich meine Freundin besuchte. Seit diesem Tag sprach sie mich immer auf der Straße an. Sie war freundlich. Aber ich fand es etwas ungewöhnlich. Eigentlich kannten wir uns doch gar nicht. Ich nenne sie Frau Herrmann.

Ich wurde selbst erwachsen und begegnete ihr in unserer Kleinstadt immer wieder. Und so erfuhr ich, dass in dem Mehrfamilienhaus das Dachgeschoss ausgebaut werden wollte. Es entstand eine neue Dreiraumwohnung. Frau Herrman erzählte mir, dass sie Genossenschaftsanteile bezahlt und somit ein Mitbestimmungsrecht hätte, wer die Wohnung bekommt. Und setzte sich erfolgreich dafür ein, dass ihr Sohn aus seinem Kinderzimmer ausziehen konnte.

Nach dem Tod des Ehemanns traf ich Frau Herrmann wieder. In Begleitung ihres Sohnes. Er war wortkarg, das Gespräch fiel kurz aus. Was ich gut verstehe, denn ich war nicht die einzige Straßen-Gesprächspartnerin seiner Mutter.

Fortan waren beide nur noch zusammen unterwegs. Von meiner Schulfreundin erfuhr ich, dass der Mann weder eine Partnerin noch Kinder hatte. Er lebte in seiner eigenen Wohnung, aber die Mutter wirtschaftete für ihn. Beide waren lebenslang eine Einheit.

Frau Herrmann erreichte ein hohes Lebensalter. Nach ihrem Tod zog der Sohn in eine andere Stadt. Er hatte das Rentenalter erreicht und wollte noch einmal neu anfangen. So hatte er es meiner Schulfreundin bei einem Treffen auf der Straße erzählt. Ob er in seinem Leben glücklich gewesen war?

Eingebunden in den Familienbetrieb

Die Familie von Thomas war seit mehreren Generationen selbstständig. Sie retteten ihr Gewerbe über die DDR-Zeit, in der sie in einer Genossenschaft organisiert waren. Nach der Wende bauten sie ihr kleines Unternehmen neu auf. Es war ganz selbstverständlich, dass der Sohn den Beruf lernte und an der Seite des Vaters das Gewerbe fortführte.

Die Eltern waren von der „alten Schule“, wie wir es hier in Berlin umgangssprachlich nennen. Sie bestimmten den Tagesablauf, die Ausrichtung des Betriebes und die Partnerschaften der Kinder. In der Konsequenz blieb Thomas allein und wurde niemals Vater. Seine Eltern hatten ein Enkelkind von seiner Schwester, das einen anderen beruflichen Weg einschlug. Somit hatte das Familienunternehmen keinen Erben mehr.

Es stand nie zur Debatte, dass Thomas einmal aus seinem Kinderzimmer auszieht oder sich ein eigenes Leben aufbaut. Nach dem Tod seiner Oma zog er in ihre kleine Wohnung. Doch jeden Tag nahm er mit seinen Eltern die Mahlzeiten ein und ordnete sich unter. Ein wirklich eigenes Leben hatte er nie.

Bis zu seiner Rente hielt er den Betrieb am Laufen. In den letzten Jahren arbeitete er allein, mit Aushilfskräften, die ihn in Stoßzeiten unterstützten. Darunter litt das Geschäft. Es kamen immer weniger Gäste. Mit seinem Rentenbeginn beendete er die Familientradition. Das Verhältnis zu seiner Schwester war eng. Doch mit seinem Leben war Thomas nicht zufrieden. Er sagte oft, dass er das Geschäft gern an seine Kinder weitergegeben hätte. Doch dafür fehlte ihm eine Beziehung.

Seine Schwester kritisierte die Eltern dafür, Thomas nie losgelassen zu haben. „Mein Mann hatte es schwer, Teil der Familie zu sein. Eine Frau an deiner Seite haben sie nicht akzeptiert. Wir müssen unsere Kinder loslassen. Ich möchte, dass unser Sohn glücklich ist. Deshalb kann ich akzeptieren, dass er einen anderen Weg geht und den Betrieb nicht übernimmt.“

Die Kinder ziehen aus – und nun?

Es ist ganz normal, dass Eltern traurig sind, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Doch in den meisten Fällen bleibt die Beziehung zu dem Kind bestehen. Es gibt Kinder, die den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie abbrechen. Aber das ist glücklicherweise nicht die Regel. In vielen Familien ist ein gutes Miteinander wichtig und wertvoll.

Wenn wir nicht loslassen, ist das eine Form von Egoismus, die weder uns noch unseren Kindern gut tut. Beide Beispiele, die ich beschrieben habe, sind wahre Geschichten. In meinem Umfeld gibt es noch weitere Beispiele. Überwiegend sind es Söhne, die von ihren Eltern nicht losgelassen werden oder die selbst nicht loslassen können. Wir sollten unsere Kinder auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. Auch wenn es uns schwerfällt. Doch wenn es nicht gelingt, die Klammer zu lösen, tut das beiden Seiten nicht gut.

Sind die Kinder erwachsen, haben wir wieder Raum für uns. Wir können die Zweisamkeit neu entdecken. Und Dinge tun, die über viele Jahre nicht möglich waren. Das leere Kinderzimmer tut weh. Diesen Schmerz müssen wir zulassen. Doch wir sollten uns nicht in ihm vergraben. Und schon gar nicht dürfen wir an dem erwachsenen Kind klammern. Es kommt der Tag, an dem unsere Begleitung zu Ende geht. Nehmen wir ihn doch als Chance, etwas Neues zu beginnen.

Das Leben neu denken

Vor etwa einem Jahrzehnt mussten wir uns neu finden. Drei unserer vier Kinder waren ausgezogen. Da wir unsere Kinder früh bekamen, waren wir zu diesem Zeitpunkt noch recht jung. Die Probleme waren bei uns untypisch: Wir landeten nicht vor dem Fernseher oder vor dem Computer. Bis heute schauen wir keine Serien und wir spielen auch keine Spiele.

Wir stürzten uns beide auf den Haushalt und bekamen uns in die Haare, wer was macht. Einer von uns wollte Änderungen. Der andere wollte keine Änderungen. Es gab so viel gemeinsame Zeit, doch wir nutzten sie anfangs nicht. Mein Mann arbeitete Schicht, ich war mit den Kindern viel allein. Er lebte weiter in seinem System, ich brauchte neue Aufgaben. Es gab viel Stress.

Ich erkannte, dass mein Mann meine freie Zeit nicht ausfüllen wird. An seinem Tagesablauf hatte sich weniger geändert, als an meinem. Also begann ich, meine freiberufliche Tätigkeit, der ich in den Abendstunden nachgegangen war, auszubauen.

Radfahren, Kino, Brandenburg entdecken

Mein Mann bekam von seinem Arbeitgeber das Angebot, Jobräder zu leasen. Wir kauften uns E-Bikes und entdeckten das Radfahren für uns. Mit den Kindern waren wir immer mal wieder kleinere Touren gefahren. Nun wurden es 30, 50, bald 100 Kilometer. Seit mehr als zehn Jahren lieben wir unsere Radtouren. Wir fahren im Durchschnitt 6.000 Kilometer im Jahr.

Unser Kino hatte ein neues Angebot: Eine Monatskarte, mit der wir so viele Filme sehen können, wie wir wollen. Das haben wir gebucht und, mit Ausnahme der Coronazeit, nie gekündigt. Es gibt viele Filme, für die wir keine klassische Karte gekauft hätten. Doch mit der Flatrate haben wir sie „mitgenommen“ und waren so manches Mal überrascht.

Das Deutschlandticket hat uns zu einem weiteren Hobby verholfen: Wir setzen uns in den Zug, gönnen uns ein Ticket für die Erste Klasse, das im VBB-Bereich sehr günstig ist, und erkunden die Städte und Sehenswürdigkeiten Brandenburgs. Für unsere Eindrücke und Fotos habe ich einen Kultur- und Reiseblog eingerichtet. Zunächst als privates Projekt. Heute ist er Teil meiner freiberuflichen Selbstständigkeit.

Für einen langen Zeitraum waren wir mit unseren Kindern viel zu Hause. Jetzt sind wir oft unterwegs. Wir haben die Freiheit, uns nicht mehr um das Abendessen kümmern zu müssen und Dinge, die wir liegeblassen möchten, auch mal liegen zu lassen. Unserer Beziehung hat es so gut getan, neue Gemeinsamkeiten zu finden.

Der erste Urlaub zu Zweit

Nach 38 Jahren planten mein Mann und ich unseren ersten Urlaub zu Zweit. Wir sind Camper, und immer ist einer unserer Söhne allein oder mit der Freundin eine Woche oder den ganzen Zeitraum mitgekommen. Doch im besagten Jahr hatten wir unterschiedliche Pläne. Der Auszug unserer drei älteren Kinder war schon zehn Jahre her. Trotzdem standen wir wieder vor einer neuen Situation. Ich hatte Ängste, dass ich die Kinder vermissen könnte.

Ja, und dann verlebten wir einen traumhaften Urlaub. Die Freiheit, die wir von zu Hause schon kannten, hatte sich nun auf die Ferienzeit übertragen. Wir fuhren 60 Kilometer über die Insel Texel, bei stürmischem Wind, und wussten, dass unsere Söhne interveniert hätten. Wir frühstückten am Strand, kochten abends auf einem Mini-Kocher und saßen hinter dem Windschutz, weil das Wetter eigentlich gar nicht auf Strand ausgerichtet war. All diese Dinge hätten wir nicht machen können, wenn wir nicht allein gewesen wären.

Wir werden uns immer freuen, wenn wir im Urlaub Besuch von der Familie bekommen. Aber nun wissen wir, dass der Urlaub zu Zweit auch viele schöne Momente bereithält. Wenn wir es zulassen und uns nicht in unserer Trauer vergraben.

Wenn der Jüngste ins Leben geht

Wir leben noch zu Dritt in unserem Haus. Doch es ist ein anderes Zusammenleben, als es das noch vor zehn Jahren war. Bald kommt der Moment, an dem auch unser Jüngster in eine eigene Wohnung zieht. Es wird noch einmal eine Umstellung, vor allem für mich. Mein Mann ist ja nach wie vor in sein Schichtsystem eingebunden. Das wird auch bis zur Rente zu bleiben.

Unser jüngster Sohn hat seit einigen Jahren eine Freundin. Auch sie wohnt noch bei ihren Eltern. Beide verbringen ihre Zeit mal bei uns, mal bei ihren Eltern. In den Tagen, in denen er nicht zu Hause ist, bekomme ich eine Vorstellung von dem Leben, das uns in den nächsten Jahren erwartet. Es wird noch einmal schwierig. Es ist noch einmal eine Umstellung. Doch es gehört zum Leben dazu.

Ich freue mich für die beiden, wenn sie eine bezahlbare Wohnung finden. Das ist in unserer Region gar nicht so einfach. Und ich weiß, dass unser gutes Verhältnis bestehen bleiben wird. Eines Tages möchten sie Kinder. Das Leben bekommt immer wieder neue Dimensionen. Freuen wir uns darauf, anstatt dem Vergangenen hinterher zu trauern. Auch dann, wenn es nicht immer einfach ist.

Warum manche Eltern es so schwer haben

Aus heutiger Sicht scheint der Übergang von der Zeit als Eltern in das Leben als Paar für uns einfach gewesen zu sein. Doch auch wir hatten Wochen und Monate, in denen wir nicht gut miteinander klarkamen. Bis wir uns neu entdeckt hatten, dauerte es mehrere Jahre. Es gibt Eltern, die das schneller schaffen. Und andere, die es sehr viel schwerer haben als wir. Doch warum wird die Reaktion auf den Auszug der Kinder so unterschiedlich empfunden?

Vielleicht haben es Eltern leichter, die ihr Leben nicht komplett auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet haben. Unsere Kinder sind allein in die Schule und zum Sport gegangen. Wir haben sie nicht überall hin gefahren. Als sie älter wurden, haben wir uns immer ein wenig Eigenständigkeit bewahrt. Wir hatten Glück, dass meine Mutter im Ort lebte. So konnten wir Zweisamkeit genießen und unseren vielen Interessen nachgehen.

Ein wenig Paarzeit bewahren

Mittlerweile sehen wir an unseren Enkelkindern, wie viel Raum das Leben als Familie einnimmt. Wenn ich einen Rat geben sollte, dann den, sich ein wenig Paarzeit zu bewahren. Ein Abend im Kino oder im Restaurant, ein kleiner Kurzurlaub am Wochenende oder bewusste Zweisamkeit am Abend, wenn die Kinder schlafen: Wer sich in den Jahren als Eltern nicht vollständig in der Erziehung und Betreuung der Kinder verliert, hat es leichter, wieder in die Zweisamkeit zurückzufinden.

Auch, wenn es uns mitunter so vorkommt: Kinder werden nicht von einem Jahr zum anderen erwachsen. Es sind volle achtzehn Jahre, die wir mit unserem Nachwuchs genießen können. Mit jedem Jahr werden die Kleinen selbstständiger. Das gibt uns die Möglichkeit, den Prozess des Loslösens auf mehrere Jahre zu verteilen. Wir begannen damit, als unser Jüngster zwölf Jahre alt war. Er spielte Fußball und war oft bei Freunden. Diese Zeit nutzten wir für uns. Mit zunehmendem Alter fand er es gut, „sturmfrei“ zu haben. Wir genossen unsere neu gewonnene Freiheit. Es war eine Zeit, die wir heute in einer sehr schönen Erinnerung haben.

Die Kinder bestimmen den Alltag

Es gibt Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder sehr stark aufgehen. Sie sind besonders fürsorglich, möchten auch mit zunehmendem Lebensalter alles steuern und geben sich selbst dabei vollkommen auf. Es gibt viele Familien, in denen die Kinder den Alltag sehr stark bestimmen. Wenn sie älter werden und aus dem Haus gehen, leiden besonders die Mütter enorm darunter. Beim Auszug der Kinder schwindet nicht nur der Alltag, sondern auch ein Stück der eigenen Identität.

Um die als Empty-Nest-Syndrom bezeichnete Einsamkeit nach dem Auszug der Kinder zu überwinden oder gar nicht erst eintreten zu lassen, ist es wichtig, rechtzeitig die Weichen zu stellen. Mir war über viele Jahre nicht bewusst, dass ich einmal ohne Kinder leben werden. Wir sehen unsere Enkel aufwachsen, aber es ist nicht dasselbe. Außerdem sollten Enkel niemals Lücken füllen, die ihre Eltern hinterlassen haben.

Meinem jüngeren Ich würde ich sagen, dass es sich auf den neuen Lebensabschnitt eher vorbereiten soll. Vielleicht hätten wir mit diesem Rat weniger Probleme gehabt. Persönlich schaue ich immer etwas skeptisch auf Eltern, die ihre Kinder vor allen Gefahren beschützen möchten. In meiner Heimatstadt ging der Streit um einen Süßwarenautomaten in der Nähe der Schule so weit, dass die Eltern eine Petition einreichten.

Vielleicht sind das Mütter und Väter, die in einigen Jahren besonders stark leiden, wenn die Kinder ausziehen. Traurigkeit über die Zeit, in der die Kinder klein waren, ist normal. Das Vermissen ebenso. Doch die Gedanken sollten unter Leben nicht bestimmen. Freuen wir uns über den neuen Lebensabschnitt und genießen wir unsere neue Freiheit. Es tut uns gut, und unseren Kindern auch. Denn sie möchten uns in ihr eigenes Leben davonfliegen. Wir sollten sie dabei nach allen Kräften unterstützen und nicht an uns denken. In den meisten Fällen verlieren wir unsere Kinder nicht ganz. Sie kommen immer gern zu uns zurück.

Fünf Tipps gegen das Empty-Nest-Syndrom

Gibt es Ideen oder Erfahrungen, die ich weitergeben kann? Diese Frage stellte mir meine Schwiegertochter, als unser Enkel drei Jahre alt wurde. Sie weinte und wünschte sich, er könne noch einmal ein Baby sein. Ich kenne das Gefühl zu gut. Die Babyzeit, vor allem die ersten Monate, hätte ich am liebsten für alle Ewigkeit eingefroren.

Meine Tipps sind persönlich und nicht wissenschaftlich recherchiert oder belegt. Ich beschreibe sie ausschließlich aus dem, was ich selbst erlebt habe. Einige Ideen hast du im Artikel bereits gelesen. Ich fasse sie noch einmal kurz zusammen.

Die Kinder jedes Jahr ein kleines Stückchen loslassen

Für mich begann das Loslassen mit der Einschulung. Unsere Kinder bewältigten den Schulweg schon nach einem Monat selbst. Er war sicher: Es gab eine Ampel und breite Fußwege. Sie waren so stolz, dass sie allein laufen durften.

Mit jedem Jahr gab es neue kleine Freiheiten: Allein mit dem Fahrrad fahren, eine Tour mit dem Bus ins nahe Potsdam, allein zu Hause bleiben, das Abendbrot selbst vorbereiten und die Lieblingshose auch mal selbst waschen.

Sie entschieden selbst, ob sie mit in den Familienurlaub wollten – das wollen sie bis heute ab und zu – und ob sie zum Abendbrot zu Hause waren. Aus „Fragen“ wurde mit zunehmendem Alter „Bescheid sagen“.

So gelingt es, Schritt für Schritt in ein eigenes Leben zurückzufinden. Gleichzeitig erlernen die Kinder Selbstständigkeit und wichtige Grundlagen für das Zusammenleben mit einem Partner oder in einer WG.

Ich habe heute schon was vor

Wir dürfen „nein“ sagen, wenn unsere Kids das Teenageralter erreicht haben. Und wir haben das Recht auf eigene Pläne. Es muss nicht mehr um 19 Uhr Abendessen geben. Die Wäsche muss nicht gebügelt im Schrank der Teenager liegen. Sie können mit zunehmendem Alter selbst aufräumen und lernen, wie man einfache Gerichte kocht.

Wir tun uns und unseren Kindern keinen Gefallen, wenn wir sie mit Zwanzig noch überall hinfahren. Das ist bequem. Aber wir leben in einer Abhängigkeit von den erwachsen werdenden Kindern, die uns selbst nicht gut tut. An den Wochenenden, an freien Tagen oder im Urlaub dürfen wir zunehmenden an uns selbst denken. Das hilft beim Prozess des Loslösens und baut neue Zweisamkeit auf.

Wir dürfen Gefühle zulassen

Unser jüngster Sohn wohnt noch bei uns. Manchmal sprechen wir über den Tag, an dem er ausziehen wird. Ich sage ihm ehrlich, dass mir das wehtun und dass es noch einmal vieles verändern wird. Doch gleichermaßen freue ich mich, dass er für ein eigenständiges Leben bereit ist.

Lassen wir unsere Gefühle zu. Trauern wir, um die Zeit, die so schnell vergangen ist. Doch verlieren wir uns nicht darin. Die Zeit ist vergangen und kommt nie wieder. Blicken wir in die Zukunft. Auf der anderen Seite müssen wir nicht tun, als wären wir unheimlich stark. Eine Balance zwischen Trauer und Zuversicht bringt und gut durch die Zeit.

Beginnen wir etwas Neues!

Unsere Kinder beginnen einen neuen Lebensabschnitt. Was hindert uns daran, es ihnen gleich zu tun? Für uns waren das Fahrrad, Kino, Museen und das Deutschlandticket Schritte in die neue Freiheit. Ich habe mir zusätzlich einen langjährigen Wunsch erfüllt und bin unserem Heimatverein beigetreten. Mein Mann hat zu lesen begonnen.

Wir sind eher introvertiert und haben keinen großen Freundeskreis. Unsere Bindungen sind innerhalb der Familie und zu einigen langjährigen Freunden stark. Doch es gibt auch viele Möglichkeiten, neue Menschen zu treffen. Reaktiviere alte Freundschaften. Suche einen Verein, bei dem dir die Mitarbeit Spaß macht. Einige fühlen sich in Ehrenämtern wohl, andere machen Musik oder beginnen, ein Buch zu schreiben.

Wichtig ist, die freie Zeit zu nutzen und nicht in Langeweile zu verfallen. Es gilt, das Grübeln zu vermeiden und den neuen Lebensabschnitt zu genießen. Mit neuen Eindrücken, wie auch immer sie aussehen, kann das gut gelingen.

Den Kontakt zu den Kindern behalten

Kinder verschwinden nur selten vollständig aus dem Leben ihrer Eltern. Es entwickelt sich ein neues, spannendes Verhältnis zueinander. Mit jeden Jahr entwickeln sich erwachsene Kinder weiter. Wir können auf Augenhöhe mit ihnen diskutieren.

Die Wandlung der Eltern vom Erzieher und Betreuer zum erwachsenen Gleichgesinnten ist ein neuer Prozess. Ich fand ihn sehr spannend. Mit 25 wurden die Ansichten zunehmend differenzierter. Mit 30 wissen sie, wohin sie im Leben wollen.

Die Herausforderungen sind in dieser Zeitspanne da. Wir lernen Schwiegerkinder kennen. Einige gehen, doch irgendwann kommt die Nachricht: Wir ziehen zusammen. Oder wir wollen heiraten. Enkelkinder werden geboren. Der Kreis öffnet sich aufs Neue.

Es ist eine spannende Zeit, die viel Neues für uns Eltern bereithält. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Das Wechselspiel zwischen Loslassen und neuer Bindung kann sehr abwechslungsreich sein. Wir haben keine Verantwortung mehr, sondern dürfen nur noch genießen.

Es gibt kein Rezept – nur die eigene Erfahrung

Gehen Kinder in ihr eigenes Leben, empfinden Eltern das als sehr unterschiedlich. Leider gibt es kein Rezept für den Start in ein neues Leben ohne Kinder, die zu Hause wohnen und uns jeden Tag brauchen. Jeder muss seine eigene Erfahrung machen.

Wer das Loslassen mit jedem Lebensalter des Kindes zulässt, hat es einfacher. Eine erfüllende Arbeitsstelle, Hobbys und Kontakte außerhalb der Familie können helfen, die erste Zeit der Traurigkeit besser zu bewältigen.

Letztlich ist es ein Lebensabschnitt, den nur wir selbst gestalten können. Es liegt an uns, was wir daraus machen. Geht es uns nicht gut, können wir uns Hilfe suchen. Doch die meisten Eltern schaffen es, sich mit erwachsenen Kindern neu zu erfinden. Eine neue Tür öffnet sich. Wir müssen nur durchtreten.

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