„Da dürfen wir nicht hin“ – DDR-Kindheit hinter der Grenze

„Da dürfen wir nicht hin“ – DDR-Kindheit hinter der Grenze

Ich habe meine Kindheit in der DDR verbracht. Wir lebten nicht direkt hinter der Grenze, aber sie war in Berlin und Potsdam allgegenwärtig. Der Sputnik, so hieß der Regio in Anlehnung an die russische Sprache, fuhr südlich um West-Berlin herum und hielt in Schönefeld. Von dort aus fuhren wir mit der S-Bahn zum Alexanderplatz. Beim Blick aus dem Fenster sahen wir Hochhäuser, die für uns unerreichbar waren. Sie standen in West-Berlin. Dieses Gefühl, hinter einer Grenze zu leben, hat meine gesamte DDR-Kindheit begleitet. Je älter ich wurde, desto intensiver dachte ich darüber nach. Warum wurde ich in Mecklenburg geboren und nicht einhundert Kilometer weiter westlich, in Niedersachsen? Heute ist diese Einschränkung der Freiheit undenkbar. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, sodass es nie in Vergessenheit gerät.

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Bleistiftzeichnung eines Mädchens in einer S-Bahn der DDR. Sie blickt nachdenklich aus dem Fenster auf eine Reihe hoher Plattenbauten, die hinter Bäumen aufragen. Die Szene wirkt ruhig und melancholisch.
Wir fuhren mehrmals im Jahr zum Rummel in den Plänterwald. Wenn ich aus der S-Bahn schaute, sah ich Hochhäuser, die in Neukölln standen und für mich unerreichbar waren. Je älter ich wurde, desto intensiver dachte ich darüber nach.

Kannst du dir vorstellen, dass wir da nicht hin dürfen?

Vor vielen Jahren war ich mit meinem jüngsten Sohn am Stadtrand von Berlin unterwegs. Er war etwa zwölf Jahre alt. In Neukölln, unmittelbar hinter der ehemaligen Grenze zur DDR, stehen die Hochhäuser der „Weißen Siedlung“. Sie wurden im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus in den 1970er-Jahren errichtet.

Die Wende war schon lange her, aber dennoch kannte ich die Ecke nicht. Wir fuhren mit dem Auto, schauten uns Britz an und shoppten in den Gropiuspassagen. Dann erinnerte ich mich an die weißen Häuser, die in der Kindheit unerreichbar waren. Wir fanden sie schnell, sie sind stufenförmig erbaut und ragen mit bis zu 18 Stockwerken in den Himmel hinein.

Als ich so alt war wie du, waren sie für mich unerreichbar

Diesen Satz sagte ich zu meinem Sohn. Er schüttelte mit dem Kopf und konnte mit dem Gedanken, nicht in dieser Straße stehen zu dürfen, gar nichts anfangen. Meine Euphorie verstand er nicht wirklich. Die Gegend ist nicht besonders schön, die Häuser sind völlig unspektakulär.

Für mich sind die Erinnerungen an meine DDR-Kindheit, weil sie nur wenige hundert Meter von der S-Bahn-Linie entfernt liegen, die uns zur DDR-Zeit von Schönefeld in das Zentrum von Ost-Berlin brachte. Wir konnten sie sehen, aber es war nicht möglich, dorthin zu fahren. Das Bild hat sich für mein Leben eingeprägt.

Wir gaben die DDR-Erinnerungen an unsere Kinder weiter

Zwei unserer vier Kinder haben eine DDR-Geburtsurkunde. Der Älteste war beim Fall der Mauer knapp zwei Jahre alt. Seine einzige Erinnerung sind die Grenzsoldaten, die unsere Ausweise kontrollierten, als wir das erste Mal nach West-Berlin fuhren. Unser zweiter Sohn wurde im Jahr der Wiedervereinigung geboren.

Unsere heute erwachsenen Kinder wissen viel, über die DDR. Wir haben mit ihnen die Orte besucht, die heute von der Teilung erzählen. Wir waren am Grenzübergang Marienborn, haben uns die originale Mauer an der East Side Gallery angeschaut und sind unzählige Male durch das Brandenburger Tor gelaufen.

Ich habe es bestimmt schon in anderen Artikeln geschrieben, dass ich mir bis heute ein einzigartiges Gefühl bewahrt habe. Es überkommt mich immer dann, wenn ich auf dem Pariser Platz stehe, auf dem einst die Soldaten patrouillierten. Der Blick durch das Tor war von der Mauer versperrt. Heute können wir mit dem Fahrrad durchfahren. Nach der Wiedervereinigung war das kurze Zeit mit dem Trabbi möglich. Ein historischer Moment, den wir leider nie auf einem Foto festgehalten haben.

Wir sind mit dem Fahrrad auf dem Mauerweg gefahren und mit dem Boot durch die Glienicker Brücke. Unsere Söhne kennen die Geschichten auswendig. Mittlerweile sind unsere Enkelkinder alt genug, sodass wir auch ihnen unsere Erinnerungen mitgeben können.

Wir wären nicht nach „drüben“ gegangen

Mein Mann und ich wären mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in den Westen übergesiedelt. Im Sommer 1989 saß ich vor unserem kleinen orangefarbenen Kofferfernseher, den mir meine Omi geschenkt hatte. Für ein größeres Modell hat unser Ehekredit nicht ausgereicht. Wir spielten lieber Gesellschaftsspiele oder hörten Musik. Das hat sich bis heute nicht geändert, wir haben nicht einen Streamingdienst abonniert.

Auf dem winzigen Bildschirm, er war kleiner als mein 21 Zoll großer Mac, an dem ich gerade diesen Artikel schreibe, sah ich, dass meine Mitbürger ihre Trabbis stehen ließen und zu Fuß von Ungarn nach Österreich liefen. Ich hielt mich an meinem 18 Monate alten Sohn fest, der auf meinem Schoß saß, und stellte mir die Frage, ob ich mir das vorstellen kann. Ein klares „Nein“ rauschte durch meinen Kopf.

Wir wären nicht in den Westen übergesiedelt. Dazu waren wir zu heimatverbunden. Unsere Kinder wären in der DDR aufgewachsen. Deshalb wollten wir ihnen viel über unsere Herkunft vermitteln.

Die eingeschränkte Freiheit – ein Gefühl, das bleibt

Ich habe Mecklenburg verlassen, als ich ein Kleinkind war. Mein Mann ist dort aufgewachsen. Wir lernten uns kennen, weil ich meine Oma regelmäßig besuchte. In dem kleinen Ort zwischen Parchim und Schwerin, er heißt Crivitz, gab es keine Grenze. Mein Mann war nur ein einziges Mal in Berlin und hat nur das Bild von den Soldaten im Kopf, die das Brandenburger Tor auf der Ostseite bewachten.

Er sah die Flagge der BRD auf dem Dach des Reichstags wehen und war auf dem Fernsehturm. West-Berlin war gut zu sehen. Das sind die einzigen Erinnerungen, die er von der Grenze hat. Mit seinen Eltern fuhr er auf die Insel Poel in den Ostseeurlaub.

Von oben konnten wir weit nach West-Berlin schauen. Die schnurgerade Straße, die von der Mauer wegführte, gehört auch zu den Erinnerungen aus meiner Kindheit. Sie war auffällig, an ihrem Ende stand eine Statue. Im Jahre 1990 fuhren wir zum ersten Mal an der Siegessäule vorbei und passierten die „Straße des 17. Juni“. Wir sahen den Fernsehturm in unserer Heimat, dem Osten, und wieder war es, dieses einzigartige Gefühl der Freiheit, das so schwer zu beschreiben ist. In mir wohnt es stärker, als in meinem Mann, weil die Grenze bei uns im Berliner Raum präsenter war.

Von Grenzposten und Passierscheinen

Ich hatte in meiner Teeniezeit einen Kumpel im Potsdamer Ortsteil Babelsberg. Aus uns wurde nie was, weil ein Babelsberger nicht mit einer Potsdamerin „gehen“ konnte. Da gab es eine alte Feindschaft, von der ich gern wüsste, ob sie heute noch besteht. Aber wir verstanden uns prima und trafen uns etwa ein Jahr lang regelmäßig. Wir stromerten durch die Gegend, liehen an der Freundschaftsinsel ein Ruderboot aus und schlichen uns an den Grenzposten vorbei, wenn wir in das Haus wollten, in dem er wohnte.

Die Virchowstraße in Babelsberg verläuft am Ufer des Griebnitzsees entlang. Sie war Tag und Nacht bewacht. Um meinen Kumpel zu besuchen, hätte ich einen Passierschein gebraucht. Das Procedere wollten wir uns ersparen. Unser jugendlicher Leichtsinn wurde nie bestraft, weil uns vermutlich irgendeine Himmelsmacht beschützte.

Das Altersheim in der Mangerstraße

Nach der Schule begann ich eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ich musste ein Praktikum im Altersheim absolvieren, das in der Mangerstraße in der Berliner Vorstadt in Potsdam lag. Nicht weit davon entfernt befindet sich die Glienicker Brücke. An der Einfahrt von der Berliner Straße zur Mangerstraße saß ein Grenzposten in einem Glaskasten. Jeder, der an ihm vorbei wollte, brauchte einen Passierschein.

Vor dem Beginn meines Praktikums musste ich bei der Volkspolizei diesen Passierschein beantragen. Ich benötigte eine Bestätigung meiner Schule, dass dieses Praktikum notwendig war. Auch die Besucher des Pflegeheims und alle Anwohner hatten einen solchen Schein vorzuzeigen.

Ich fand es nervig. Und damit war ich nicht allein: Es war oft Thema, in dem Heim. Die Pflegekräfte, die Küchenhilfe und die Besucher schimpften regelmäßig über diese Zustände. Womit bewiesen wäre, dass wir durchaus unseren Mund aufmachen durften. Allerdings war das zwei Jahre vor dem Mauerfall. Da gab es in der Bevölkerung bereits großen Frust, der sich dann ab 1989 entlud.

In Ost-Berlin unterwegs

Nachdem mein Mann und ich ein Jahr zusammen waren, zog er zu mir in die Region Potsdam. Wir waren oft an den Orten unterwegs, die der Grenze irgendwie nah waren. Für mich war es normal, ich war hier aufgewachsen. Aber mein Mann hatte als damals 20-jähriger das erste Mal Berührung mit der Nähe zum „Klassenfeind“. Es war ein Wort, das wir im Staatsbürgerkundeunterricht gelernt hatten und das er damals nahezu inflationär benutzte.

Wir fuhren gemeinsam auf den Fernsehturm und schauten über das geteilte Berlin. Die Mauer schlängelte sich mitten durch die Stadt. Am Brandenburger Tor schauten wir auf die Flagge der BRD, die uns so nah war. Jetzt verstand mein Mann besser, warum mein Problem mit der eingeschränkten Freiheit größer war.

Wenn Autos in die falsche Richtung fahren

Westautos waren etwas Besonderes, in der DDR. Nur wenige kamen in den Genuss, eins der begehrten Fahrzeuge besitzen zu dürfen. Mein Vater bekam in den 1980er-Jahren einen Golf angeboten. Im Gegenzug wollte sich der West-Berliner am Ufer unseres Wassergrundstücks ausbreiten. Was mein Vater ihm antwortete, kann ich hier leider nicht wiedergeben.

Zwischen dem Grenzübergang Dreilinden und dem kleinen Ort Drewitz bei Potsdam gab es eine Busverbindung. Meine Großtante aus Spandau nutzte sie, wenn sie uns besuchen kam. Sie hatte kein Auto. Doch der Checkpoint Bravo im Südwesten Berlins befand sich an einer Autobahn. Fußgänger hätten keine Möglichkeit gehabt, die Grenze zu überqueren. Die Busverbindung wurde für sie eingerichtet.

Wenn wir auf den Bus warteten, konnten wir von einer Anhöhe die Autos beobachten, die nach West-Berlin fuhren. Bis auf wenige Ausnahmen waren es Modelle aus dem Westen. Sie fuhren in die falsche Richtung auf die Autobahn. Zumindest nahmen wir das so wahr, denn die Auffahrt in Potsdam-Babelsberg wurde von Verbotsschildern eingerahmt.

Die Autos begeisterten meinen Mann. Mit dem Summi fuhren wir oft nach Derwitz, einfach um Westautos anzuschauen. Sie kamen aus der BRD und mussten durch die DDR nach West-Berlin fahren. Dabei überquerten sie zweimal die Grenze und wurden häufig „gefilzt“. Auch beim Autogucken gab es das beklemmende Gefühl, dass wir eingesperrt waren in einer Welt, die uns die Freiheit verwehrte.

Was passiert mit mir, wenn ich weiterlaufe?

Wie viele DDR-Bürger verbrachten auch wir unseren Sommerurlaub an der Ostsee. Als ich 15 Jahre alt war, fuhren wir nach Boltenhagen. Das Ostseebad liegt in Mecklenburg und ist etwa 20 Kilometer Luftlinie von der Landesgrenze nach Schleswig-Holstein entfernt.

Unser bevorzugten Ziele an der Ostsee waren die Insel Rügen und das Ostseebad Graal-Müritz. In Boltenhagen verbrachten wir zwei Wochen in einem FDGB-Ferienheim mit Vollverpflegung. Das war schon toll. Den Strand mochten wir nicht so. Die See ist dort wegen der Lage in einer Bucht ruhiger, es gibt keine großen Wellen. Aber dennoch blieb der Urlaub in besonderer Erinnerung. Es war der letzte, den ich mit meinen Eltern verbrachte.

Ich sehe mich heute noch am Strand entlang laufen, in Richtung einer kleinen Steilküste, die mit einem Wald bedeckt war. Wir wussten, dass irgendwo dahinter die BRD begann. Die Küste war bewacht, in der Nacht war ein Aufenthalt am Strand nicht erlaubt.

Zwischen Boltenhagen und der Landesgrenze, die mehr als 40 Jahre lang ein Teil des Eisernen Vorhangs war, gibt es kein weiteres Seebad. Der Abschnitt war in der Hand der Grenzsoldaten. Zumindest wurde das erzählt, in dem Ferienheim, in dem wir unsere Verpflegung bekamen.

Was würde mit mir passieren, wenn ich den offiziellen Strandabschnitt verlasse und einfach weiterlaufe? Das fragte ich mich, wenn ich mich von meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder für einen längeren Spaziergang entfernte. Würden mich die Grenzposten zu meiner Familie zurückbringen oder festnehmen? Vielleicht sahen sie mich gar nicht und ich konnte einfach in den Westen weitergehen?

Meine DDR-Kindheit war von der Mauer geprägt

Je älter ich wurde, desto präsenter war die Grenze, hinter der wir lebten, in meinem Kopf. Wir bekamen regelmäßig Besuch aus West-Berlin. Einmal im Jahr trafen wir uns mit der Schwester meiner Mutter und ihrer Familie bei meiner Oma in Mecklenburg. Die Schwester war kurz vor dem Bau der Mauer bei der Großtante in Spandau geblieben.

Meine Oma wuchs in Staaken auf. Ihr Elternhaus stand auf dem Grenzstreifen und wurde später abgerissen. Bis zu ihrem Lebensende wünschte sie sich, die kleine Kirche noch einmal zu sehen, in der ihr Vater als Pfarrer diente. Doch sie stand direkt an der Mauer. Es hätte einen Passierschein gebraucht. Sie starb 1986 und konnte nie in die Straße zurückkehren, in der sie als Kind gespielt hatte.

Warum?

In den Tagen, die ich mit meinen beiden westdeutschen Cousinen verbrachte, fragte ich mich oft, warum ich in der DDR aufwachsen musste. Da ging es um schicke Klamotten, Schallplatten, Kassetten, den Urlaub an der Nordsee oder in Griechenland. Ich konnte mir keinen schwarzen Nagellack kaufen und meine Oma musste die Nesthäkchen-Bücher in ihrer Unterwäsche über die Grenze schmuggeln.

Dieser Hauch der Freiheit, den ich immer dann spürte, wenn ich irgendwie mit dem Westen in Berührung kam, er tat irgendwie weh. Dennoch ist die Erinnerung an meine Kindheit in der DDR heute fast ausschließlich positiv. Es ist sogar so, dass es viele Dinge gibt, die ich meinen Kindern gewünscht hätte. Denn es gab auch für uns, die wir so dicht an der Mauer lebten, einen Alltag. Und der barg viel Schönes, an das ich mich gern erinnere.

Es ist nicht alles Gold, aber es ist Freiheit

Seit Boltenhagen sind mehr als 40 Jahre vergangen. In Griechenland waren wir nie, aber wir kennen die Nordsee und einen Teil von Europa. Wir waren in Hamburg, Frankfurt am Main und in Hannover. Wir haben Holland lieben gelernt und viele Urlaube dort verbracht. Das Gefühl der Freiheit ist immer mitgefahren.

Dass im Westen nicht nur das Gold glänzt, haben viele meiner DDR-Landsleute schon im Jahr der Wiedervereinigung gespürt. Ich gehöre zu denen, die glücklich sind, dass sich die Grenzen für uns geöffnet haben. Wir bekamen die Freiheit, die ich mir als Kind so gewünscht hatte.

Heute denke ich an die DDR mit Wehmut zurück. Ich mag es nicht, wenn unser Leben schlecht geredet wird. Wenn Unwissende Unwahrheiten verbreiten. Ich möchte nicht nur über die Dinge schreiben, die schwierig waren. Auch das Schöne möchte ich erzählen, ohne mir unterstellen zu lassen, dass ich einen Unrechtsstaat verklären würde.

Wie würdest du dich fühlen, wenn du …

… nicht zu den Hochhäusern laufen dürftest, die nur wenige Gehminuten von seinem Standort entfernt sind? Das habe ich zwei meiner Söhne gefragt. Ihr Altersabstand beträgt zwölf Jahre.

Es ist schön, dass ich mir das nicht vorstellen muss. Es ist fremd für mich, dass ich zu einem Ort, den ich in der Nähe sehe, nicht hinfahren darf. Ich war nie in dieser Situation. Für mich ist es schwer, das zu beschreiben.

Mein jüngster Sohn (Mitte 20) und kennt die DDR nur aus unseren Erzählungen

Mit dem Jüngsten waren wir in der Weißen Siedlung. Er konnte bei unserem Ausflug wenig mit dem Gedanken anfangen. Das hat sich gut zehn Jahre später nicht geändert.

Sein älterer Bruder musste nicht lange überlegen. Er sieht die DDR so, wie sie junge Menschen heute sehen, wenn sich sich mit der Geschichte befassen.

Es ist ein ein Verbrechen gewesen, die Leute einzusperren. Was war denn auf den Straßen los, im Jahr 1953? Da haben sie die Panzer geschickt. Danach haben die Menschen über 40 Jahre die Füße stillgehalten, weil sie Angst hatten. Ich wäre in der DDR nicht alt geworden.

Der Zweitälteste wurde im Wendejahr geboren

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass unser zweiter Sohn am 17. Juni geboren wurde. Viele in seiner Generation wissen von den Arbeiteraufständen gar nichts. Er hat sich intensiv damit beschäftigt. Und ich stimme ihm ohne Vorbehalt zu: Er hätte in der DDR nicht leben können und wäre schnell mit dem System in einen Konflikt geraten.

Erklär du doch mal, wie es sich anfühlt

Es ist schwierig, die Gegenfrage meiner beiden Söhne zu beantworten. Wie fühlt es sich an, aus dem Fenster einer S-Bahn zu schauen und Häuser zu sehen, die man nie erreichen kann? Dass sich die Grenzen einmal öffnen könnten, war bis zum Sommer 1989 keine Option.

Wie fühlt es sich an, wenn der Strand zu Ende ist und man ein Sperrgebiet betreten würde? Für uns war es die Realität, mit der wir aufwuchsen. Meine Generation wurde in das System hereingeboren und hatte keine Wahl: Die Grenzen waren seit einem Jahrzehnt zu. Sie gehörten zu unserem Leben und sie prägten es.

Je älter ich wurde, desto häufiger stellte ich mir die Frage, warum ich in der DDR geboren werden musste und nicht, wie meine Cousinen, im Westen aufwachsen durfte. Das Gefühl, aus dem Fenster zu einen unerreichbaren Ort zu schauen, ist beklemmend. Wir durften nicht weiterlaufen. Wir waren eingesperrt und schauten mit ganz viel Sehnsucht auf den Teil der Welt, der uns verborgen blieb.

Auch mir fällt die Erklärung schwer. Weil ich es bis zum Mauerfall nicht anders kannte. Mein Vater war am 12. August 1961 bei Freunden seiner Eltern in Berlin. Am späten Abend kehrte er nach Hause zurück. Morgens erfuhr er, dass die Grenzen geschlossen waren. Für ihn mag es sich anders angefühlt haben, denn er kannte West-Berlin. Ich hätte ihn gern um eine Antwort gebeten, doch leider ist er schon viele Jahre verstorben.

Wir müssen unser Leben annehmen

Wir müssen unser Leben annehmen, so, wie wir es geschenkt bekommen. Das gilt auch heute noch. Wie viele Menschen leiden unter Erkrankungen. Oder sie müssen ein hartes Schicksal tragen. Ich hatte viele Momente, in denen ich darauf hingewiesen wurde, dass ich hinter einer Mauer aufwuchs. Doch auch wir haben es angenommen.

Heute blicke ich zurück und trage die Erinnerungen mit gemischen Gefühlen in mir. Da ist das Lächeln auf den Lippen, wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke. Sie war schön und meistens unbeschwert. Manchmal bin ich nachdenklich. Hätte ich in der BRD eine schönere Jugend gehabt? Mehr Chancen? Mehr Einkommen?

Ich habe mit der DDR meinen Frieden geschlossen. Ich bin in dem Land erwachsen geworden, doch den größten Teil meines Lebens habe ich in Deutschland verbracht. Für mich ist die DDR etwas, das zu mir gehört und dass ich für mich angenommen habe.

Die DDR ist mein Heimatland, das ich im Grunde nie verlassen habe. Es hat mich verlassen. Wenn ich an die Fahrten mit der S-Bahn, die Passierscheine und die Grenzposten denke, bin ich froh darüber, dass meine Kinder und Enkel in Freiheit aufwachsen dürfen. Es ist gut, dass sich unser Honecker geirrt hat. Die Mauer hat 28 Jahre gestanden. Es waren 28 Jahre zu viel.

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JE 2026-14

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