Flucht aus der DDR: Warum Menschen alles riskierten
Wir Menschen schaffen uns Zuhause. Dort leben wir in einem kleinen Kosmos, bestehend aus der Familie, der Arbeit, Freunden und Freizeitaktivitäten. Unser Zuhause ist unser Rückzugsort. Es gibt uns Halt und Geborgenheit. Viele können sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, das Zuhause ohne die Option auf eine Rückkehr verlassen zu müssen. Und doch trafen Hunderttausende in der DDR diese Entscheidung. Aus Unzufriedenheit oder wegen des tiefen Wunsches, in Freiheit leben zu dürfen. Einige planten ihre Flucht aus der DDR längere Zeit, andere entschieden sich spontan dafür. Jeder von ihnen ließ sein ganzes Leben zurück. Für einige war es ein Abschied für immer. Doch warum verließen die Menschen ihre Heimat und welche Auswirkungen hatte die Entscheidung? Ein historischer und persönlicher Blick, mit Beispielen aus meiner Familie.

Die Entstehung von zwei deutschen Staaten
Blicken wir zunächst zurück: Wie kam es dazu, dass auf deutschem Boden zwei Staaten mit einer unterschiedlichen Gesellschaftsordnung entstanden? Worauf beruhte die Unzufriedenheit der Menschen, die sich zur Flucht entschlossen?
Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg nach mehr als fünf Jahren zu Ende. Vier Siegermächte teilten Deutschland unter sich auf. Die Sowjetunion kontrollierte den Osten Deutschlands von der Ostsee bis zu den Mittelgebirgen. In den ersten drei Jahren Jahren nach Kriegsende waren die Menschen mit den Folgen beschäftigt: Der Wiederaufbau von zerstörten Häusern und Wohnungen. Die Suche nach Angehörigen. Der Aufbau eines neuen Lebens nach der Flucht aus den verlorenen Ostgebieten. Es gab Hunger, Not und Entbehrungen. Die Hoffnung ein besseres Leben bestimmte den Alltag.
Marshallplan vs. Bodenreform und Enteignungen
Ab 1947 boten die USA dem zerstörten Europa finanzielle und wirtschaftliche Hilfen an. Diese sind heute unter der Bezeichnung Marshallplan bekannt. Das Angebot richtete sich an alle Länder, auch an die Sowjetunion und die anderen Staaten des Ostblocks. Als Gegenleistung verlangten die USA wirtschaftliche Zusammenarbeit und eine transparente Marktwirtschaft. Dem konnte die Sowjetunion nicht zustimmen, da sie auf sozialistische Planwirtschaft setzte.
Ab 1948 trat der Marshallplan in Kraft. Die Menschen in den Besatzungszonen der USA, Großbritanniens und Frankreichs erlebten eine sanfte, aber doch spürbare Verbesserung ihrer Lebensumstände. In der sowjetischen Besatzungszone gab es mit Enteignungen, der Bodenreform und der Verstaatlichung von Betrieben eine gegensätzliche Entwicklung. Im Zuge der Reparationen wurde wichtige Infrastruktur zurückgebaut und in die Sowjetunion verbracht. Erste Unterschiede im Lebensstandard waren spürbar.
1949: Gründung der BRD und der DDR
Eine Teilung des deutschen Staates war kein Plan der Alliierten, sondern eine Entwicklung, die auf den unterschiedlichen staatlichen Systemen beruhte. 1947 schlossen die die USA und Großbritannien zur Bizone zusammen. Frankreich verfolgte zu diesem Zeitpunkt noch eigene Interessen, folgte dem Zusammenschluss aber ein Jahr später. Es gab eine Währungsreform: Die D-Mark war geboren. Die sowjetische Besatzungszone setzte mit der DDR-Mark eine eigene Währung ein.

Der Marshallplan galt nur in der Zone der sogenannten Westmächte. Dort sollte ein funktionierender Staat entstehen. 1948 wurde der parlamentarische Rat beauftragt, ein Grundgesetz zu erarbeiten. Es handelte sich um eine Übergangslösung: Die Westmächte gingen davon aus, dass Deutschland bald zu einem Staat zusammenwuchs. Erst dann sollte das Land eine Verfassung bekommen.
Das Grundgesetz wurde am 23. Mai 1949 vorgelegt. Das ist der Tag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Die Sowjetunion blieb bei ihrem Alleingang und gründete am 7. Oktober 1949 in ihrer Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik.
Das Leben in der sowjetischen Besatzungszone
Noch vor der Gründung der beiden deutschen Staaten wuchsen die Unterschiede im Lebensstandard der Menschen in Ost und West. In der sowjetischen Besatzungszone war die Versorgung war schlechter. Traditionelle Unternehmen verlegten ihre Produktion in den Westen.
Wusstest du, dass Audi seine Fahrzeuge bis 1945 in Zwickau produzierte? In Ingolstadt befand sich ein Außenlager, das zum neuen Firmensitz wurde. Mit den Unternehmen verließen 2,7 Millionen Bürger bis zum Bau der Mauer am 13. August 1961 die sowjetische Besatzungszone und damit die spätere DDR.
Die Sowjetunion entwickelte in ihrem Satellitenstaat ein eigenes Wirtschaftssystem. Privater Besitz wurde in staatliches Eigentum überführt. Das Warenangebot war kleiner, als in der BRD. Die Löhne und Gehälter unterschieden sich. Proklamiert wurde ein Arbeiter- und Bauernstaat, der einer vollständigen staatlichen Steuerung unterlag.
Aufbau von Grenzanlagen
Ab 1952 wurde die innerdeutsche Grenze abgeriegelt. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Übersiedlung noch relativ einfach möglich. Danach gab es Kontrollen und Zurückweisungen. Bis zum Mauerbau blieb Berlin als einzige Möglichkeit, den Westen Deutschlands zu erreichen. Ebenso wie Deutschland, war die Hauptstadt in vier Sektoren eingeteilt. DDR-Bürger konnten West-Berlin ohne große Schwierigkeiten erreichen. Viele arbeiteten dort, kauften ein oder besuchten Verwandte und Freunde.
Berlin blieb das Schlupfloch für die dauerhafte Flucht. Der DDR-Regierung war das bewusst. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde die Grenze nach West-Berlin bis zum 9. November 1989 dauerhaft geschlossen.
Verlust der Reisefreiheit
Mit dem 13. August 1961 verloren die Bürger der DDR ihre Reisefreiheit. Wir durften nur die Länder des Ostblocks besuchen: Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Reisen nach Kuba oder Vietnam waren besonders regimetreuen Bürgern vorbehalten.
Einmal nach Hamburg, Frankfurt am Main oder München fahren? Das war nicht möglich. Wir durften nicht am Strand der Nordsee liegen. Paris, London, Brüssel, Amsterdam? Die Hauptstädte haben wir nach der Wende mit dem Auto besucht. Als DDR-Bürger waren kannten wir sie nur aus dem Fernsehen oder als Namen im Schulatlas.

Da wir in der Nähe der Grenze zu West-Berlin lebten, wussten wir schon als Kinder, dass es Orte gibt, zu denen wir keinen Zugang hatten. Wenn wir in den Plänterwald nach Ost-Berlin fuhren, sahen wir weiße Hochhäuser. Sie befinden sich in Britz und waren nur wenige Meter von der S-Bahn-Linie entfernt. Doch wir wussten: Dazwischen liegt eine Grenze. Wir dürfen dort nicht hin.
Meine Generation hatte die Wahl: Fliehen oder bleiben!
Meine Eltern waren zum Zeitpunkt des Mauerbaus 18 und 20 Jahre alt. Als junge Erwachsene hatten sie eine Wahl. Meine Generation wurde in der DDR geboren. Die Grenzen waren zu. Wer gehen wollte, musste fliehen. Mindestens 200 Menschen verloren an der innerdeutschen Grenze ihr Leben. In Berlin gab es mindestens 140 Mauertote. Bis heute sind die genauen Zahlen nicht geklärt.
Nach 1961 verließen etwa 1,1 Millionen Menschen die DDR. Vielen gelang die Flucht. Andere wurden gefasst, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und später vom Westen freigekauft. Es gab Menschen, die im Westen arbeiten oder auftreten durften. Auch Sportler durften reisen. Dieses Recht war häufig an eine besondere Systemtreue geknüpft.
Lockerungen der Reisefreiheit
Ab den 1980er-Jahren gab es Lockerungen in der Reisefreiheit. Dies hing mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR zusammen: 1983 bekam die SED einen Milliardenkredit von der BRD. Im Gegenzug verlangte sie Erleichterungen für die Bürger der DDR. NunSie durften nahe Angehörige im Westen besuchen. Doch die Auswahl der Menschen, die reisen durften, erfolgte nach strengen Kriterien.
Wer die DDR verlassen wollte, hatte die Möglichkeit, einen dauerhaften Ausreiseantrag zu stellen. Vielen dieser Anträge wurden stattgegeben. Die DDR-Führung wollte Menschen loswerden, die es aus der DDR wegzog. So konnten sie keine Schwierigkeiten machen.
Rückblickend betrachtet verließ seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges jeder vierte Bürger die sowjetische Besatzungszone und spätere DDR. Die Menschen erhofften sich ein besseres Leben in persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit. Sie wollten dem Alltag zwischen Anpassung und Kontrolle entfliehen und die Möglichkeit haben, nach Hamburg, München, Amsterdam oder London zu reisen.
Flucht aus der DDR: Ein Abschied für immer?
Wer sich für die Flucht aus der DDR entschied, beging die Straftat der Republikflucht. Schon der Versuch wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Wer die DDR nach der endgültigen Grenzschließung im August 1961 verließ, musste damit rechnen, dass er seine Heimat und seine Familie nie mehr wiedersah. Dennoch entschieden sich Tausende für diesen Schritt. Für sie war das Leben in der DDR nicht mehr erträglich.
Wer die DDR vor der endgültigen Grenzschließung im Jahre 1961 verließ, konnte in der Regel zu Besuch einreisen. Eine Einladung von Verwandten und ein Visum waren notwendig. Außerdem musste ein Zwangsumtausch von 25 DM pro Person im Wert von 1:1 in DDR-Mark geleistet werden. Die DDR brauchte Devisen.
Eine spätere Flucht war endgültig. Wer die geschlossene Grenze überwinden konnte, nach einem Besuch in der BRD blieb oder ausgewiesen wurde, wäre bei einer Rückkehr in die DDR als Republikflüchtling verurteilt worden. Bis zu acht Jahre Gefängnis waren möglich.
Gab es Rückkehrer?
Offizielle Zahlen über Menschen, die nach einer Republikflucht zurückkehrten, gibt es nicht. Mehrere Zehntausend sollen es sein, die ihre Flucht bereuten und wieder in der DDR leben wollten. Oftmals waren sie im Visier der Staatssicherheit oder sie arbeiteten nach ihrer Rückkehr aktiv als IM mit.
Den meisten DDR-Flüchtlingen gelang es, sich im Westen ein neues Leben aufzubauen. Obwohl viele von ihnen die Flucht nie bereuten, hatte sie doch eine tiefgreifende Bedeutung für das eigene Leben und für das Leben der Familie, die in der DDR zurückblieb. Sie war häufig im Visier der Staatssicherheit.
Es gab Menschen, die lebenslang Sehnsucht nach der Heimat und nach der Familie verspürten. Auch dann, wenn sie zu Besuch in die DDR reisen konnten. Andere taten sich schwer, mit den ganz anderen Strukturen der Gesellschaft und der Arbeitswelt im Westen.
Die Zahlen zeigen, dass die Anzahl der Rückkehrer, so die Schätzungen stimmen, nur sehr klein waren. Dennoch hinterließ die Entscheidung häufig Spuren. Bei den Menschen, die sich dafür entschieden, und bei ihren Familien.
Die zerrissene Familie
Meine Mutter hatte fünf Geschwister. Drei Brüder und eine Schwester entschieden sich für das Leben in der BRD. Sie flohen zwischen 1945 und 1961. Ihre Eltern trennten sich, nachdem mein Opa 1952 aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt war. Er schaffte es nicht, in sein altes Leben zurückzukehren. Beide starben in den 1980er-Jahren in der DDR.
Ich habe meine Eltern oft gefragt, warum sie sich für das Leben in der DDR entschieden hatten. Für meinen Vater war eine Flucht gar kein Thema. Noch am Abend des 12. August 1961 weilte er in West-Berlin: Die Tagesbesuche waren für Menschen aus dem Bezirk Potsdam Normalität. Er kehrte ganz selbstverständlich nach Hause zurück.
Meine Mutter hätte ihren Geschwistern folgen oder zu ihrer Tante nach Berlin-Spandau übersiedeln können. Beide verband die Liebe zur klassischen Musik. Meine Großtante hatte keine Kinder: Sie hätte meine Mutter gern unterstützt. Doch Mutti hatte als jüngstes Kind eine sehr enge Bindung an meine Oma. Es hätte ihr das Herz gebrochen, sie in der DDR zurückzulassen, ohne Gewissheit, wann sie sich wiedersahen. Oma hätte ihre Heimat niemals verlassen. Zu dem Sohn, der wie meine Mutter in der DDR geblieben war, bestand keine so innige Verbindung.
Sechs Geschwister – zwei Lebenswelten
Der älteste Bruder meiner Mutter wurde im Jahre 1925 geboren. Er begann nach dem Krieg in Bremen ein Lehramtsstudium. Ob es sich um eine Flucht handelte oder ein normales Verlassen des Elternhauses nach der Rückkehr von der Front, ist in der Familie nicht überliefert. 1963 nahm er sich das Leben.
Flucht nach Beteiligung an den Arbeiteraufständen
Zu meinem Onkel Jürgen hatte meine Mutter eine besonders enge Verbindung. Er war 16 Jahre älter als sie, wurde als Teenager an die Front berufen und erlitt einen Durchschuss des Oberschenkels. Die Wunde heilte, doch das Erlebte belastete ihn lebenslang. Er war heimatverbunden und wollte die DDR nicht verlassen. Doch er engagierte sich während der Arbeiteraufstände im Sommer 1953 und kam ins Gefängnis der mecklenburgischen Kleinstadt, in der er lebte. Er war der einzige Insasse, die Haftbedingungen waren locker. In einem unbeobachteten Moment gelang ihm die Flucht.
Per Anhalter schlug er sich nach Bayern durch. Das Ehepaar, das ihn mitnahm, gab ihn als ihren Sohn aus. Anfang der 1950er-Jahre funktionierte das noch. Er verdingte sich auf einem Bauernhof, lebte einige Jahre in der Schweiz und ließ sich ab 1961 in Hamburg nieder. Mit der ersten Lockerung der Besuchsregeln unter Kanzler Willy Brandt besuchte er Weihnachten 1972 das erste Mal nach seiner Flucht meine Oma, die immer noch in der Kleinstadt lebte. Ich war noch klein, doch ich kann mich erinnern, dass ich auf seinem Schoß saß. Er war glücklich, dass er uns endlich kennenlernen durfte.

Jürgen kam mindestens einmal im Jahr in die DDR. Die Ein- und Ausreise war trotz seiner Inhaftierung und der anschließenden Flucht nie ein Problem. Nach der Wende besuchten wir ihn oft in Hamburg. Er hat sein Leben in Westdeutschland geliebt und seine Heimat nicht vermisst. Die enge familiäre Bindung n die Eltern und Geschwister in der DDR war trotz der Teilung geblieben.
Die Sehnsucht nach dem besseren Leben
Bernd war der dritte Sohn meiner Großeltern. Er floh im Jahre 1953 nach der Schließung der Grenzen zwischen der DDR und der BRD. Wir kannten ihn nur von Fotos und aus den Erzählungen meiner Oma, die ihn zweimal im Jahr besuchte. Mit dem Eintritt des Rentenalters durften die DDR-Bürger reisen. Sie wurden für die sozialistische Volkswirtschaft nicht mehr gebraucht.
Aufgrund seiner Flucht hatte Bernd Angst, die DDR zu besuchen. Er glaubte, verhaftet zu werden. Tatsächlich fehlte aber die Bindung an die Heimat und an die Familie: Er ließ sich in Ostfriesland nieder und heiratete eine Frau, die dort aufgewachsen war. Dies gab ihm die Wurzeln, die er durch seine Flucht verloren hatte.
Erst 31 Jahre später, zur Beerdigung seines Vaters, überquerte er die innerdeutsche Grenze, ohne dass er festgenommen wurde. Er führte in Ostfriesland ein erfülltes Leben und kannte keine Sehnsucht nach der alten Heimat.
Mit falschem Pass nach West-Berlin
Gudrun war fünf Jahre älter als meine Mutter und nach vier Jungen das erste Mädchen in der Familie. Die Schwestern wuchsen miteinander auf und hatten eine enge Verbindung zueinander. Mit 14 Jahren lernte Gudrun ihren späteren Ehemann kennen. Er war so alt wie sie und setzte sich noch vor dem Bau der Mauer über West-Berlin nach Westdeutschland ab. Er drängte Gudrun, nachzukommen. Aber es war zu spät. Der 13. August 1961 machte eine Flucht unmöglich
Der Freund ließ nicht locker. Erließ den Pass einer jungen Frau in die DDR schmuggeln, die Gudrun ähnlich sah. So gelang Gudrun der Grenzübertritt nach West-Berlin.
Sie heiratete ihren Freund und zog häufig um. Frankfurt am Main, Bielefeld und Burgsteinfurt waren Stationen ihres Lebens. Doch ihre Herzensheimat blieb Mecklenburg. Einmal im Jahr kam sie mit ihrer Familie „nach Hause“. Ich habe diese Familientreffen in so schöner Erinnerung. Der Abschied fiel ihr immer sehr schwer.
Nach ihrem Tod, lange nach dem Fall der Mauer, wünschte sie sich, in einem kleinen Wald ihrer Heimatstadt beigesetzt zu werden. Das war nicht gestattet, doch die Familie erfüllte ihren letzten Wunsch trotzdem. Die Flucht hat Gudrun ein freies und wirtschaftlich komfortableres Leben geschenkt. Doch sie war lebenslang unglücklich, dass sie ihre Heimat verlassen hatte.
Das Zusammenwachsen funktionierte nicht mehr
Vier Geschwister meiner Mutter lebten bis in die 2010er-Jahre hinein. Doch das Zusammenwachsen der Familie nach der Wende funktionierte nicht. Das Erbe meiner in der DDR verstorbenen Oma, ein abrissreifes Stadthaus in Reihenbauweise aus dem 19. Jahrhundert, führte zu einem unüberwindbaren Bruch. Da Erben, die in der BRD lebten, in der DDR keinen Anspruch hatten, klagte der Onkel aus Ostfriesland auf eine Entschädigung und wurde von seiner Schwester unterstützt. Zahlen mussten meine Mutter und der in der DDR verbliebene Onkel. Es handelte sich um eine niedrige vierstellige Summe.
Kontakt behielt meine Mutter nur zu Jürgen, dem Onkel aus Hamburg, und zu ihrem Bruder, der wie sie in der DDR geblieben war. Einer gemeinsamen Kindheit in einem privilegierten Arzthaushalt folgte ein Riss, der nie wieder heilte. Es gibt zahlreiche Nachkommen der sechs Geschwister, die keinen Kontakt zueinander haben.
Die Flucht als Teil von Lebensgeschichten
In unserer Familie hatte die Flucht der Geschwister meiner Mutter die Struktur für immer verändert. Damit sind wir nicht allein: Tausende Familien wurden durch die Teilung Deutschlands und die Schließung der Grenzanlagen auseinandergerissen. Andere Familien waren gar nicht betroffen: Aus der Familie meines Vaters verließ niemand die DDR. Die Bindung an die Heimat war zu groß.
Das erste Buch meiner Romanreihe Anna und Mike spielt in der DDR. Ich thematisiere die Flucht aus der DDR in einer Nebenhandlung: Auch wenn ich selbst dort aufgewachsen bin und eine Ausreise für uns nie ein Thema war, hat mich das Leben unweit der Grenze zu West-Berlin und mit den Verwandten aus Westdeutschland geprägt. Schon als Teenager dachte ich darüber nach, warum meine Cousinen ihren Urlaub auf Langeoog, in Italien und Griechenland verbringen durften, ich aber nicht.
Die Erfahrungen prägten eine ganze Generation
Die Erfahrungen mit dem Leben vor und hinter der Grenze prägten eine ganze Generation. Wir sprechen von vierzig Jahren, die zwischen der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1949 und der Grenzöffnung lagen. Ein halbes Leben: Mal etwas mehr, mal etwas weniger.
Meine Mutter verbrachte 46 Jahre ihres Lebens in der späteren DDR. Sie litt unter der Trennung von ihren Geschwistern, vor allem von der Schwester. Immer wieder erzählte sie von der schönen gemeinsamen Kindheit, die beide in Mecklenburg verbrachten.
Wir wuchsen hinter der Mauer auf und hatten doch immer wieder Berührung mit dem Westen. Durch die Besuche der Verwandten, durch das Fernsehen und durch Menschen, die beruflich oder privat reisen durften.
Wer reisen durfte, schwärmte vom Westen
Der Vater meiner Sandkastenfreundin war Schlafwagenschaffner. Er fuhr nicht nur nach Westdeutschland, sondern auch nach Frankreich. Er brachte ein Monopoly-Spiel mit, das es in der DDR nicht zu kaufen gab, und einen Eiffelturm, der bei meiner Freundin auf dem Schreibtisch stand.
In den 1980er-Jahren durfte meine Mutter ihren Bruder in Hamburg und ihre Tante in Spandau mehrere Male besuchen. Ich sehe sie nach ihrer ersten Reise in den Westen noch am Tisch sitzen, auf dem viele Geschenke ausgebreitet waren. Sie war ganz überdreht und sprach von vollen Geschäften, riesigen Regalen mit Obst und Gemüse und farbenfrohen Fassaden.
Meine Großeltern väterlicherseits fuhren mehrmals im Jahr zu Freunden nach Berlin. Sie hatten ihnen Unterschlupf gewährt, als Berlin vor Kriegsende die Bombennächte erlebte. Die Familien kannten sich, weil die Berliner vor dem Krieg bei meinen Großeltern Obst gekauft hatten.
Familien und Freunde litten unter der Trennung
Viele Familien litten unter der Trennung von ihren Angehörigen, mit denen sie bis zum Kriegsende eng verbunden waren. Vor allem in Berlin war der Bau der Mauer ein Einschnitt in den Beziehungen untereinander, der quasi über Nacht kam. Zwei Straßenfronten wurden plötzlich durch die Mauer unterbrochen. Die Bilder der Menschen, die aus den Fenstern ihrer Wohnungen in die Freiheit sprangen, gingen um die Welt.
Es gibt Bilder, auf denen sich Kinder auf beiden Seiten des Stacheldrahtzaunes, der zunächst als Grenzmarkierung gezogen wurde, zum Abschied die Hände reichen. Menschen weinen, weil sie wissen, dass diese Grenze ihr Leben verändern würde. Und so kam es auch. Wer in Berlin zufällig in der richtigen Straße wohnte, lebte in der Freiheit. Der andere musste sich auf ein Leben in der DDR einrichten.
Die fremde Welt immer vor Augen
Seit frühester Kindheit hatten wir die uns fremde Welt vor Augen. In unserer Familie wurde täglich Westfernsehen geschaut. Mit einer großen Antenne auf dem Dach konnten wir sehen, was uns verborgen blieb. Je älter ich wurde, desto mehr hinterfragte ich das System, das uns verbot, die Autobahn, die von Potsdam zum Grenzübergang Checkpoint Bravo in Dreilinden führte, zu befahren. Als wir am 10. November 1989 erstmals mit unserem Trabbi in diese Richtung fuhren, war das ein unvergesslicher Moment.

Für mich war die unüberwindbare Grenze schon früh Problem. Wir saßen im Erdkundeunterricht und sahen eine Landkarte, die räumlich nah, aber für uns dennoch unerreichbar war. Ich weiß nicht, ob ich die DDR verlassen hätte. Dazu kam die Wende für mich zu früh. Aber ich verstehe jeden, der diesen Schritt ging, weil er den Zustand des Eingesperrt seins nicht mehr ertragen konnte.
Eingeschränkter Konsum und Kontakt zur Westverwandtschaft
Hinzu kamen die schlechtere Versorgung und der staatliche Druck. Dass wir keine tollen Klamotten kaufen und die Singles unserer Musiklieblinge auf Tonband oder Kassette aufnehmen mussten, wurde nachdenkenswert, als ich ein Teenager war und die Tage bei meiner Oma mit den gleichaltrigen Cousinen aus Westdeutschland verbrachte. Da stellte ich mir doch immer wieder die Frage, warum meine Eltern nicht in den Westen gegangen sind.
Mein Mann wuchs in Mecklenburg ohne intensiven Kontakt zur Westverwandtschaft auf. Dort war keine Grenze in der Nähe. Er hatte sich mit der Teilung Deutschlands nicht so intensiv beschäftigt wie ich. Als die Mauer fiel, gehören wir zu denen, die es vor Euphorie gar nicht fassen konnten. Heute vermissen wir einiges aus unserer Kindheit. Aber das ist vielleicht normal. Sie gehört zu unserer Vergangenheit.
Der staatliche Druck
Von dem Druck der Staatssicherheit waren unsere Familien nicht betroffen, obwohl wir regelmäßig Besuch aus Westdeutschland oder West-Berlin hatten. Warum das so war, wissen wir nicht. Vielleicht lag es daran, dass wir nur in unseren eigenen vier Wänden über die Unzulänglichkeiten unseres Lebens sprachen und draußen angepasst waren. Oder wir gehörten zufällig zu den Millionen, die allein aus Kapazitätsgründen nie ins Visier gerieten.
Die Kombination aus nicht vorhandener Reisefreiheit, schlechterer Versorgung und staatlichem Druck waren wesentliche Gründe für den Wunsch vieler Bürger, die DDR zu verlassen. Aber auch die Sehnsucht nach der Familie oder der Wunsch nach einem besseren und komfortableren Leben führten zu einer Flucht aus der DDR. Nicht jeder konnte gut damit leben, dass es nebenan eine Welt gab, die ihm verwehrt blieb.
Flucht aus der DDR – es gab nur wenige Möglichkeiten
Zwischen 1945 und 1952 war die Übersiedlung aus der DDR in die BRD recht einfach möglich. Nach der Installation der innerdeutschen Grenzanlagen kam es zunehmend zu Kontrollen. Es gab Zurückweisungen von DDR-Bürgern, doch bis zum Mauerbau blieb der bereits beschriebene Weg über West-Berlin.
Zwischen 1961 und 1983 blieb den meisten Menschen nur die Flucht über die geschlossene Grenze. Hunderte verloren ihr Leben, Tausende kamen ins Gefängnis. Doch vielen gelang es, die Mauer zu überwinden.
Einige Ideen waren abenteuerlich: Zwei Familien erreichten mit einem Heißluftballon Westdeutschland. Der NVA-Soldat Conrad Schumann sprang im Oktober 1961 über den Stacheldraht entlang der Bernauer Straße in Berlin und warf dabei seine Waffe weg. Das Foto, das ein westdeutscher Journalist aufnahm, ging um die Welt. Etliche durchschwammen die Spree, den Teltow-Kanal oder sie überquerten die Ostsee in einem Schlauchboot oder mit einer Taucherausrüstung. Ein Lkw durchbrach die Grenzanlagen und erreichte so das Territorium West-Berlins.
Ausreiseanträge waren ab 1983 möglich
In den 1980er-Jahren waren Verwandtenbesuche möglich. Einige DDR-Bürger kehrten nicht zurück. Doch so einfach war das nicht: Meine Mutter durfte nur allein zu ihrem Bruder und zu ihrer Tante reisen. Wir blieben mit unserem Vater zu Hause. So wurde sichergestellt, dass nicht ganze Familien im Westen blieben.
Ab 1983 konnte jeder Bürger einen Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR stellten. Bis zur Genehmigung vergingen Monate oder Jahre. Die Menschen nahmen mit, was sie in einem Koffer tragen konnten. Ihr Eigentum übernahm der Staat. Bis zu ihrer Ausreise wurden sie häufig schikaniert.
Ein Abschied für immer?
Im Moment der Ausreise war es für die Menschen ein Abschied für immer. Am Berliner Bahnhof Friedrichstraße gibt es den Tränenpalast. In der ehemaligen Halle für den Grenzübergang nach West-Berlin befindet sich heute eine Ausstellung, die du kostenlos besuchen kannst. Die Halle trägt ihren Namen, weil sich die Menschen dort von ihren Angehörigen verabschiedeten, bevor sie ihr Leben hinter sich ließen.
Dass die Grenzen einmal fallen, hätten wir nicht für möglich gehalten. Ich war sicher, dass ich mein ganzes Leben in der DDR verbringen würde. Auch im Sommer 1989, als die Fluchtbewegung über Ungarn einsetzte, glaubten wir nicht daran. Die Mauer wird in fünfzig oder hundert Jahren noch stehen, sagte der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker noch im Januar 1989.
Keine zehn Monate später öffneten sich die Schlagbäume und ermöglichten vielen Ausgereisten ein Wiedersehen mit den Menschen in der Heimat. Einige kehrten zurück. Dennoch gab es viele, die ihre Liebsten nie wiedersahen, weil sie die Maueröffnung nicht mehr erlebten.
Der tiefe Wunsch nach einem freien Leben
Heute ist es schwer zu verstehen, warum Menschen alles zurückließen, um ein besseres Leben zu wählen: Das Zuhause, die Familie, Freunde, die Arbeit und manchmal den Partner oder die eigenen Kinder. Es war der tiefe Wunsch nach einem Leben in Freiheit, das den Menschen den Mut gab, ihre Heimat zu verlassen.
Die Menschen ließen nicht nur materielle Dinge zurück. Die Trennung von Angehörigen, der Verlust der eigenen Identität und Schuldgefühle waren eine Belastung. Sie nahmen alte Wunden mit in ein neues Leben.
Nicht immer entsprach das Leben im Westen dem, was die Menschen erwartet hatten. Wer in der DDR geboren wurde, musste oft lernen, sich in einem gänzlich anderen Gesellschaftssystem zurechtzufinden. Einem gelang das gut, dem anderen fiel es schwer. Einige stellten fest, dass die Entscheidung falsch war. Doch für die meisten gab es keinen Weg zurück.
Kannst du dir vorstellen, dass wir dort nicht hinfahren dürfen?
Diese Frage stellte ich meinem etwa zwölfjährigen Sohn, als ich ihm die Hochhäuser in Britz zeigte, die ich als Kind nur von weitem betrachten durfte. Er wurde nach der Wiedervereinigung geboren und konnte sich das natürlich nicht vorstellen. Der tiefen Wunsch nach einem freien Leben ist den meisten von uns fremd, weil wir genau dieses Leben leben dürfen. Dass es so schwer nachvollziehbar ist, mag ein Grund für das fehlende Verständnis sein. Und für das schleppende Zusammenwachsen von Ost und West, mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall.
Menschen riskierten ihr Leben, um frei zu sein
Nach 1961 wussten die Menschen, dass sie die Flucht aus der DDR mit ihrem Leben bezahlen können. Dennoch riskierten es Tausende. Die meisten von ihnen hatten Glück und konnten, manchmal nach einem Aufenthalt in einem Gefängnis der DDR, im Westen ein neues Leben beginnen.
Dir fällt es schwer, die Entscheidung für eine Flucht aus der Heimat zu verstehen? Ich spüre die Freiheit am Brandenburger Tor besonders intensiv. Vor dem Pariser Platz gibt es eine Schleife, die Taxis und behördliche Fahrzeuge nutzen, um vor dem Tor zu wenden. Stelle dich dort auf den Fußweg. Dann hast du die Position, aus der wir damals, in der DDR, das Brandenburger Tor sahen.
Stelle dir vor, dass nicht Menschen wie du und ich, sondern Soldaten über den Pariser Platz laufen. Mit Gewehren auf der Schulter. Hinter die hohen Säulen des Brandenburger Tores erhebt sich die Mauer. Etwa fünfzig Meter Luftlinie entfernt weht die Flagge der BRD auf dem Reichstag. Für dich ist er unerreichbar. An diesem Ort kann ich am besten nachvollziehen, warum Menschen alles riskierten, um frei zu sein.


ISSN 3053-6758
JE 2026-09





