Schicksalsschläge im Leben: Macht Leid emphatischer?

Schicksalsschläge im Leben: Macht Leid emphatischer?

Schicksalsschläge im Leben sind keine Ausnahme: Auch wenn viele glauben, dass es immer nur sie selbst trifft, sagen Studien, dass mehr als die Hälfte der Menschen in ihrem Leben mindestens einmal eine schwere Lebenskrise oder einen Verlust tragen müssen. Empathie und Mitgefühl sind in schweren Zeiten eine große Hilfe. Doch nicht jeder kann diese Unterstützung geben: Wer vom Schicksal getroffen wird, erlebt häufig Abwendung, Unsicherheit oder Unverständnis. „Sieh das Leben doch positiv, das Glas ist halb voll, nicht halb leer.“ Doch das ist schwierig, in Zeiten von Trauer, Angst und Unsicherheit. Kann jemand Leid nur dann verstehen, wenn er es selbst erlebt hat? Warum trifft es den einen immer wieder und den anderen gar nicht? Erwarten wir zu viel, wenn wir uns mehr Mitgefühl wünschen? Ein persönlicher Blick auf zwei Familien und ihren Umgang mit Schicksalsschlägen.

Wenn das Leben zur Herausforderung wird

Es gibt Menschen, die in ihrem Leben immer wieder Schickssalsschläge verarbeiten müssen. Krankheit und Tod können den Alltag von einer Stunde zur anderen verändern. Trennungen und das leider modern gewordene Ghosting sorgen beim Partner oder bei Angehörigen für einen Schmerz, der Monate oder Jahre anhalten kann. Doch nicht jeder muss Momente voller Leid ertragen: Während die einen immer wieder mit neuen Herausforderungen kämpfen, bleiben andere von Krankheiten und langen Leidenswegen verschont.

In der offenen Kultur unserer westlichen Welt haben wir das Glück, unseren Lebensweg selbst bestimmen zu dürfen. Wir wählen unseren Beruf, verlieben uns, entscheiden, ob wir Kinder haben möchten und suchen uns einen Ort zum Leben.

Auf Krankheiten und Verlust können wir kaum Einfluss nehmen. Der Tod eines geliebten Menschen, die Trennung vom langjährigen Partner, der Verlust von Arbeitsplatzes oder Wohnung können uns aus der Bahn werfen. Eine schwere Krankheit kann alles verändern. Das, was war, kommt nie mehr zurück. Diese Erkenntnis kann lähmen.

loading=“eager“ decoding=“async“ style=“border:0;position:absolute; left:-9999px;“>

Wie geht es dir?

Das ist eine gut gemeinte Frage, die vermutlich jeder von uns schon einmal gestellt hat. Wir treffen eine Nachbarin, einen alten Schulfreund oder einen Kollegen, der vor einiger Zeit in Rente gegangen ist.

Ich nenne die erste Frau, von der ich in diesem Artikel erzählen möchte, Maria. Sie ist Mitte 40 und Mutter dreier Söhne. Als sie das Schicksal traf, hörte sie die Frage von einer Lehrerin, die in der Schule ihres jüngsten Sohnes Ruben arbeitete. Maria hatte die Lehrerin einige Male bei Geburtstagen gemeinsamer Freunde getroffen. Doch warm wurden sie nie miteinander. Es war eine oberflächliche Bekanntschaft. Und so war die Frage der Lehrerin auch nicht ernst gemeint.

Maria wollte Rubens Klassenlehrer sprechen und um drei freie Tage bitten. Es war der Tag, an dem ihr mittlerer Sohn Paul die Diagnose Krebs bekam. Metastasiert. Prognose ungewiss. Paul und Ruben hatten ein enges Verhältnis zueinander. Ruben fühlte sich nicht in der Lage, in die Schule zu gehen.

„Wie geht es dir? “ Maria hatte weder Lust und noch Kraft, der Lehrerin, zu der sie diese oberflächliche Bekanntschaft pflegte, zu erzählen, dass sie gerade den Boden unter den Füßen verloren hatte. Und so antwortete sie mit der Floskel: „Es geht uns gut. Und dir?“

Der Lehrerin ging es auch gut. Sie wünschte Maria einen schönen Tag und verließ in eiligem Schritt das Lehrerzimmer. Hätte sie überhaupt Zeit gehabt, sich Marias Sorgen anzuhören?

Floskeln können unangebracht sein

Maria wartete auf Rubens Klassenlehrer und wusste in diesem Moment: Diese Frage werde ich künftig nur noch stellen, wenn ich Zeit und das Bedürfnis habe, meinem Gegenüber zuzuhören. Im Vorbeigehen ist diese Floskel unangebracht.

Natürlich meinte es die Lehrerin nicht böse. Sie verwendete eine umgangssprachliche Formulierung, ohne darüber nachzudenken. Maria hatte sie bis zu diesem Tag selbst hunderte Male ausgesprochen. „Wie geht es dir“ gehört bei zufälligen Begegnungen zu unserem Sprachgebrauch.

Wenn Maria diese Frage heute hört, gibt sie eine oberflächliche Antwort. Ihren aufkommenden Unmut lässt sie sich nicht anmerken. Sie selbst stellt die Frage nicht mehr. Schicksalsschläge können das Handeln verändern. Dauerhaft.

Angst, Unsicherheit und Trauer – immer wieder

Paul überstand die Krebserkrankung. Doch nichts war mehr, wie es vorher war. Und es war nicht das erste Mal, dass Marias Familie durch ein tiefes Tal von Angst und Ungewissheit gehen musste. Dass sie um Menschen trauerte, die sie liebte oder die ihr sehr nahe standen.

Maria und ihr Mann Thomas lebten mit einem Kontaktabbruch zu den Enkelkindern. Dennis, der Älteste, hatte sich von seiner Herkunfsfamilie gelöst, nachdem seine Lebensgefährtin das erste Mal schwanger wurde. Die Gründe erfuhren Maria und Thomas nie.

Ruben verlor seinen besten Freund bei einem Zugunglück. 22 Jahre war er alt. Es war ein Unfall, kein Suizid. Zwölf Jahre währte die Freundschaft der Jungen, die sich beim Fußball kennenlernten und ab dem siebten Schuljahr in eine Klasse gingen.

Fünf Jahre vor Paul war Marias Mutter an Krebs erkrankt. Auch sie wurde wieder gesund, doch die Zeit der Therapie war sehr hart. Marias Vater starb mit nur 51 Jahren. Paul erlitt nach seiner Krebserkrankung zwei Herzinfarkte. Sein Leben ist eingeschränkt. Die Angst bleibt.

Marias Familie hält zusammen und schafft sich viele schöne Momente. Niemand möchte zulassen, dass die immer wiederkehrende Angst die Lebensfreude gänzlich raubt. Doch es gibt Tage, an denen das Lachen und die Fröhlichkeit schwerfallen.

Ich bin so ein positiver Mensch

Sabine ist eine fröhliche und aufgeschlossene Frau. Sie hat eine große Familie und viele Freunde. Ihr Temperament und ihre fürsorgliche Art lassen sie sofort sympathisch wirken. Sie erzählt gern. Ihre Familie ist ihr Lebensmittelpunkt und die Quelle ihrer Kraft.

Ihre Kinder hat sie mit viel Liebe umsorgt. Wenn sie aus ihrem Leben erzählt, wird sofort deutlich, dass Harmonie für sie an erster Stelle steht. Sie sagt oft, dass sie ein positiver Mensch wäre. Große Sorgen hätten bei ihr keinen Platz. Es wird alles wieder gut!

Schicksalsschläge, wie Maria sie durchleben musste, kennt Sabine nicht. Ihr Lebensmotto ist, dass man die Krone richten und weitermachen müsse. Diesen Spruch hatte sie in den sozialen Netzwerken gelesen. Sie teilte ihn oft und gern.

Kopf hoch, Krone richten, weitermachen

Maria und Sabine sind Kolleginnen, die sich flüchtig kannten, bis sie sich nach einer innerbetrieblichen Umstrukturierung ein Büro teilen mussten. Kurze Zeit später bekommt Marias Sohn Paul seinen ersten Herzinfarkt. Er wird mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht und erleidet einen Herzstillstand. Glücklicherweise reicht die Zeit aus, um ihn zu retten.

Paul kommt auf die Intensivstation. Marias Hausarzt schreibt sie krank. Für eine Woche. Als sie an ihren Schreibtisch zurückkehrt, möchte Sabine wissen, was los war. Maria spricht offen über die Erkrankung ihres Sohnes.

„Kopf hoch, Krone richten, weitermachen. Positiv denken. Das wird schon wieder.“

Maria starrte Sabine, die ihr gegenüber saß, perplex an. „Das könntest du, in einer solchen Situation?“

„Ich habe viel durchgemacht. Meine Kinder hatten keine Großeltern. Das war schlimm für sie.“

„Sind sie denn so früh gestorben?«

„Das kann man so sagen. Meine Mutter wurde nur 81 Jahre alt. Sie hat mich spät bekommen, deshalb waren die Kinder noch klein. Meine Schwiegereltern starben kurz hintereinander an Krebs. Sie waren Mitte 70. Ich finde dieses Schicksal so ungerecht. Andere Menschen werden 90!“

Was ist ein Schicksalsschlag?

Maria dachte an ihren Vater. Auch ihre Kinder lernten den Opa nicht kennen. Sie war 21, als er an einer Krankheit verstarb. Sein früher Tod beschäftigte sie heute noch. Einen 70. oder 80. Geburtstag hätte sie ihm von Herzen gewünscht.

Maria wusste in diesem Augenblick, dass sie von Sabine kein Verständnis erwarten durfte. Sie vermied es künftig, persönliche Dinge zu teilen. Private Gespräche drehten sich um allgemeine Oberflächlichkeiten.

Pauls zweiter Infarkt folgte drei Jahre später. Wieder war eine Rettung möglich. Aber nicht ohne Komplikationen. Bei der Stentimplanation unterlief den Ärzten ein Fehler. Dieses Mal wurde Paul wegen Blutungen im Bauchraum auf die Intensivstation verlegt. Mitten in der Nacht rief die Ärztin an, um Maria und Thomas zu informieren.

Maria sah sich außerstande, am nächsten Morgen zur Arbeit zu gehen. Sie fiel zwei Wochen aus, weil sie aufgrund von Ängsten nachts nicht schlafen konnte. Ihr Chef hatte Verständnis. Sabine musste ein Teil von Marias Aufgaben übernehmen und Überstunden leisten.

Ich kann auch nicht einfach zu Hause bleiben

Nach Marias Ankunft am Schreibtisch machte Sabine ihrem Unmut sehr deutlich Luft. Sie erzählte von einem gemeinsamen Essen mit ihren Geschwistern anlässlich des 90. Geburtstages ihrer Mutter.

„Wir hätten den Geburtstag so gern mit ihr gefeiert. Die Oma unseres Schwiegersohnes wurde zu Jahresbeginn 90 Jahre alt. Da kommt das dann so richtig hoch. Warum haben andere so ein Glück und wir nicht? Unsere Mutter wollte so gern noch ein paar Jahre leben. Sie merkte, dass es mit ihr zu Ende ging. Eine furchtbare Erfahrung! Uns ging es an ihrem Geburtstag ganz schlecht. Aber ich bin nicht einfach zu Hause geblieben. Jeder von uns muss Schicksalsschläge tragen. Das Leben muss trotzdem weitergehen.“

Maria schaute auf den Bildschirm ihres Computers und sagte nichts. Was ist ein Schicksalsschlag? Hatte sie das Recht, Sabine den Schmerz abzusprechen, den sie empfand, weil die Mutter ihren 90. Geburtstag nicht mehr erleben durfte? Oder war sie selbst so sehr in ihren eigenen Ängsten gefangen, dass ihr die Empathie für das Leid anderer fehlte?

Ein hohes Alter ist ein Geschenk

Marias Mutter und durfte ihren 80. Geburtstag feiern. Sie sprach oft von ihrem so früh verstorbenen Mann. Und sagte über sich selbst, dass sie dankbar wäre, so alt sein zu dürfen. Wenn ich jetzt abtreten muss, dann hatte ich doch ein erfülltes Leben.

Ähnlich sah es Maria auch. Das Leben ist endlich. Ein hohes Alter ist bei guter Gesundheit ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Sie respektierte, dass Sabine es anders sah. Doch die versteckten Angriffe auf ihre mentale Verfassung verletzten sie.

In einem persönlichen Gespräch bat sie ihren Chef um die Versetzung in ein anderes Büro. Doch das war nicht möglich. Maria distanzierte sich von Sabine, indem sie mit ihr nur noch Dienstliches besprach.

Immer wieder dachte sie darüber nach, was ein Schicksalsschlag war. Nahm sie sich selbst zu wichtig? Müsste sie Sabine mehr Empathie entgegen bringen, obwohl sie selbst keine Anteilnahme bekam? War sie selbst zu wehleidig? Müsste sie nicht an dem, was sie erlebte, wachsen? Oder war sie stärker, als sie es sich selbst eingestehen wollte?

Der Versuch einer Definition

Jeder von uns definiert einen Schicksalsschlag anders. Für Maria war es die schwere Krebserkrankung ihres Sohnes im jungen Erwachsenenalter, die das Leben von Paul und seiner Familie für immer veränderte. Sabine litt darunter, dass ihre Mutter früher verstarb als andere Menschen, die ein sehr hohes Lebensalter erreichen.

In der Psychologie finden wir Versuche einer Definition, was ein Schicksalsschlag ist und was er mit einem Menschen macht. Psychologen nennen drei Merkmale, die sich auf das Erleben und die mentale Gesundheit der Betroffenen auswirken können.

  • Schicksalsschläge betreffen das eigene Leben
  • Sie kommen überraschend und versetzen die Betroffenen in einen Schock
  • Die Veränderung ist erschütternd und einschränkend

Als Beispiele werden Verlust des Kindes, Lebenspartners oder von Angehörigen genannt. Aber auch ein finanzieller Ruin, der Verlust des Arbeitsplatzes oder Hiobsbotschaften können ursächlich für die Folgen eines Schicksalsschlages sein. Diese haben ganz verschiedene Ausprägungen:

  • Reaktive Depression
  • Psychosomatische Erkrankungen
  • Lebenskrisen
  • Energieverlust
  • Posttraumatische Belastungsstörung

Es gibt keine Liste von Ereignissen, die Lebenskrisen auslösen können und die eindeutig als Schicksalsschlag definiert sind. Somit darf niemand Sabine ihre Trauer um die Mutter absprechen. Doch es stellt sich die Frage nach der fehlenden Empathie. Führen eigene Schicksalsschläge nicht zu mehr Verständnis für die Probleme des anderen? Und wenn ja, warum kann es Sabine nicht geben?

Wachsen Menschen an Schicksalsschlägen?

Maria und Sabine sind keine Figuren aus meiner Romanreihe, sondern sie sind mir im wahren Leben begegnet. Ich habe ihre Namen geändert. Für die Suche nach einer Antwort auf die Frage, inwieweit Menschen an Schicksalsschlägen wachsen, liefert das Gebiet der Resilienz- und Traumaforschung interessante Fakten.

Maria und Sabine stehen stellvertretend für verschiedene Lebenswelten, die sich begegnen, ohne dass die Menschen sich das so ausgesucht haben. Wir sind bestrebt, uns ein Umfeld zu suchen, in dem wir uns wohlfühlen. Im Kreis der Kollegen und in der Familie sind häufig Kompromisse notwendig. Freundschaften und Bekanntschaften können wir eher beeinflussen.

Manchmal führt uns das Schicksal mit Menschen zusammen, die uns gut tun. Maria und Thomas haben mit Martin und Regina eine tiefe Freundschaft geschlossen. Es sind die Eltern, die ihren Sohn durch das Zugunglück verloren hatten. Martin und Regina zeigen viel Mitgefühl für die Erkrankung von Paul und für die Ängste, die Angehörige von schwer herzkranken Patienten tragen müssen. Es tut Maria so gut.

Sie bewundert Martin und Regina für die Stärke, mit der sie ihr Schicksal tragen. In der Zeit nach dem Tod des Jungen schrieben sich Maria und Regina viele Nachrichten. Es waren Erinnerungen und intensive Gedanken über Trauer und Verlust. Regina fand Halt, in den Nachrichten von Maria, die den Jungen selbst so sehr vermisste.

Wie funktioniert das Weiterleben?

Maria und Thomas lebten zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre mit dem Kontaktabbruch ihres ältesten Sohnes Dennis. Sie vermissten ihre Enkelkinder. Doch das Leid von Martin und Regina veränderte ihren Blick. Dennis und seiner Familie ging es gut. Alle waren gesund. Der Grund für die Distanz war ein Problem mit der Chemie zwischen zwei Familien, die völlig unterschiedlich lebten und sich nun, durch die Heirat der Kinder, gut verstehen sollten. Das funktioniert nicht immer.

Maria erlebte hautnah, dass es mit Martin und Regina Menschen gab, die ganz andere Dinge in ihrem Leben tragen mussten. Manchmal schämte sich Maria, wenn sie sagte, dass es sie schmerzte, ihre Enkelkinder nicht sehen zu dürfen. Martin und Regina würden nie Enkelkinder bekommen. Ihr verstorbener Junge war das einzige Kind.

Einmal sprach Maria von ihrer Kollegin Sabine und dem Lebensmotto, dass man die Krone richten und weitermachen müsse. Martin sagte, dass diese Menschen mit dem, was wir durchmachen, gar nicht zurechtkommen würden. Sie kennen keinen wahren Schmerz. Deshalb fehlt es ihnen an Mitgefühl. Wenn sie die dunkle Seite des Lebens einmal treffen sollte, zerbrechen sie daran.

Funktioniert Empathie nur mit einem eigenen Schicksal?

Maria hat seit 25 Jahren eine Freundin. Lena ist Heilerziehungspflegerin. Sie arbeitet mit Menschen, die aufgrund eines Handicaps Hilfe in der Bewältigung des Alltags benötigen. Lena absolvierte die Ausbildung nach dem Abitur, weil sie unbedingt in einem solchen Bereich arbeiten wollte.

Lena wuchs ohne Vater auf und erlebte unschöne Trennungen von ihren Lebenspartnern. Doch von sich selbst sagt sie, dass sie von schweren Schicksalsschlägen verschont blieb. Dennoch empfand sie schon als junges Mädchen Empathie für das Leid anderer. Das war ein Grund für ihre Berufswahl. Während der Erkrankung von Paul war Lena für Maria eine große Stütze.

Menschen können Empathie auch dann entgegenbringen, wenn das Schicksal es mit ihnen selbst gut meint. In der Wissenschaft beschäftigt sich die Resilienzforschung mit der Frage, inwieweit schwere Belastungen im Leben auf die psychische Stabilität eines Einzelnen einen Einfluss haben. Die Antwort ist interessant: Wer Schicksalsschläge erleben muss, ist häufig belastbarer.

Interessante Ergebnisse aus der Resilienzforschung

Wissenschaftler versuchen in Studien herauszufinden, inwieweit Menschen schwere Belastungen in ihrem Leben tragen müssen. Dazu zählen neben familiären Krisen, Krankheit und Verlust auch Missbrauch und Gewalt. Zwischen 1995 und 1997 führte die ACE (Adverse Childhood Experiences) eine Studie mit der Fragestellung durch, wie sich belastende Kindheitserfahrungen auf das spätere Leben auswirken. Auch mehr als drei Jahrzehnte später wird diese Studie noch als bahnbrechend angesehen.

17.000 Menschen nahmen an der Befragung teil. Ein wesentliches Ergebnis ist, dass Schicksalsschläge kein Einzelfall sind. Schwere Lebenskrisen sind keine Ausnahme, sondern eher die Regel.

  • 60 Prozent der Befragten erlebten mindestens einen schweren Schicksalsschlag
  • 35 Prozent erlebten zwei oder drei belastende Ereignisse
  • 12 bis 15 Prozent mussten vier oder mehr schwere Belastungen ertragen

Viele Menschen haben das Gefühl, dass es immer nur sie selbst betrifft. Die Studie zeigt auf, dass dies nicht so ist. Auch wenn der Schwerpunkt auf traumatischen Erfahrungen in der Kindheit liegt, lässt sie sich gut auf das Erleben der Erwachsenen abbilden. Niemand von uns ist mit seinem Schicksal allein.

Schicksalsschläge können stark machen

Ein überraschendes Ergebnis der Studien aus der Resilienzforschung bezieht sich auf die psychische Stabilität von Menschen, die in ihrem Leben keine, wenige oder viele schwere Belastungen ertragen mussten.

  • Wenige schwierige Erfahrungen → häufig sehr gute psychische Stabilität
  • Keine schwierigen Erfahrungen → geringe psychische Stabilität
  • Sehr viele schwierige Erfahrungen → geringe psychische Stabilität

Daraus können wir lernen, dass kleine und mittlere Krisen Resilienz aufbauen können, während zu viele Krisen den Menschen eher überfordern. Wer nie eine Krise erleben musste, weist häufig eine geringe Resilienz auf. Das wird in der Psychologie gelegentlich als Resilienz-Paradox bezeichnet.

Das nennt man manchmal das „Resilienz-Paradox“. Es zeigt uns, dass Schicksalsschläge stark machen können. Doch wenn sie Überhand nehmen, reicht die Kraft nicht mehr aus. Die Stärke fällt oft nach dem dritten oder vierten Ereignis in sich zusammen.

Wie gehen wir mit Leid um?

Niemand kann uns die Frage beantworten, ob wir eines Tages Leid erleben müssen und wie ausgeprägt es sein wird. Es steht uns auch nicht zu, darüber zu urteilen, wo die Grenze zwischen dem normalen Lauf des Lebens und einem Schicksalsschlag zu ziehen ist.

Bei Maria und Sabine ist die Leidensfähigkeit nur sehr gering ausgeprägt. Das kann so interpretiert werden, dass Maria zu viele Schicksalsschläge verarbeiten musste. Gehen wir davon aus, dass der Tod der Eltern ab einem bestimmten Alter zu unserem Leben gehört, hat Sabine per Definition keinen Schicksalsschlag erfahren, was bei ihr zu der geringen Leidensfähigkeit führt.

Keine Krisenerfahrung – weniger Mitgefühl?

In der Psychologie gibt es tatsächlich die Theorie, dass Menschen ohne eigene Krisenerfahrung mitunter weniger Mitgefühl zeigen können. Auch das würde zu der Reaktion von Sabine passen. Vielleicht hätte sie mehr Verständnis für die Krankschreibung von Maria gehabt, wenn sie selbst einmal Erschöpfungszustände durch ein traumatisches Erlebnis gefühlt hätte. Oder es sind charakterliche Züge, ausgebildet in der Kindheit, die sich fremdem Leid verschließen, weil es einfach nicht erlebt werden möchte.

Das Leid der anderen nicht erleben müssen

Manche Menschen verschließen sich aus einer Art Selbstschutz dem Mitgefühl. Sie wollen sich einfach nicht mit dem Leid anderer auseinandersetzen. Das ist gar nicht böse gemeint. Als Marias Sohn Paul an Krebs erkrankte, verlor sie ihre Jugendfreundin Petra nach mehr als 30 Jahren. Wie Sabine war Petra lebenslustig. Nachdem ihre Kinder aus dem Haus waren, explodierte sie regelrecht in ihrem Unternehmungsgeist. Vereine, Reisen, viele Bekannte, Gemeindearbeit. Viel erleben, immer unterwegs sein. Davon erzählte sie, während Maria ein Leben zwischen der Pflege ihres Sohnes zu Hause und den Chemotherapien im Krankenhaus erzählte. Es passte einfach nicht mehr zusammen.

Vor einige Jahren folgte ich einer Familie in den sozialen Netzwerken. Die Mutter erkrankte an Krebs, verlor ihren Mann und ihren zehnjährigen Sohn, bevor die Tochter mit acht Jahren ebenfalls erkrankte. Es lag an einem Gendefekt, der für häufige Krebserkrankungen in der Familie verantwortlich war. Als die Tochter verstarb, habe ich aus der Ferne getrauert. Heute lasse ich solche Schicksale nicht mehr an mich heran.

Emotionale Unsicherheit oder eine starke Leistungsorientierung können ebenfalls Gründe sein, aus denen Menschen wenig Mitgefühl zeigen. Manche Menschen sind der Meinung, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Andere sind unsicher und wissen nicht, wie sie denjenigen begegnen sollen, die Leid erleben oder durchleben mussten.

Woher kommt die Kraft zum Weitergehen?

Ich habe mir oft die Frage gestellt, woher Menschen die Kraft zum Weiterleben nehmen. Neben der bereits beschriebenen Resilienz entwickeln manche Menschen ein starkes Verantwortungsgefühl für andere Menschen. Das können eigene Kinder sein, Personen aus dem näheren Umfeld oder auch Fremde.

Einige Menschen suchen in Krisenzeiten nach dem Sinn des Lebens und finden Halt in einer Religion. Sie beschäftigen sich mit Philosophie oder orientieren sich an Werten, die sich über Jahrhunderte aufgebaut haben. Manchmal ist es eine persönliche Überzeugung, nicht zu klagen, sondern einfach weiterzumachen.

Es bleibt die Frage, ob Stärke angeboren ist oder ob sie erworben wird. Entweder durch eigenes Leid oder durch Erfahrung der anderen. Vielleicht ist es so, dass Schmerz besser versteht, der ihn selbst erlebt hat. Doch es gibt auch Menschen wie Marias Freundin Lena, die ohne eigene Krisen eine starke Empathie zeigen können.

Eine Frage ohne Antworten

Auf die Frage, ob Leid emphatischer macht, kann es keine allgemeingültige Antwort geben. Denn wir alle sind sehr verschieden. Es ist möglich, Mitgefühl zu lernen, ohne selbst durch die Dunkelheit gegangen zu sein. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die das Schicksal hat gemacht hat. Oder die sich einfach nicht mit fremden Problemen auseinandersetzen möchten.

Wir müssen akzeptieren, wie unser Gegenüber mit Leid und Schicksal umgeht. Dabei spielt es keine Rolle, ob er betroffen ist oder nicht. Ob er Verständnis zeigt oder sich dem Mitgefühl verschließt. Wir ändern andere Menschen nicht.

Es ist keine böse Absicht

Was wir tun können, ist, uns ein Umfeld zu suchen, das uns gut tut. Wir können lernen zu verstehen, wem wir uns anvertrauen können und wem nicht. Groll sollten wir nicht hegen, sondern unserem Gegenüber das Verständnis entgegenbringen, das wir selbst erwarten. Auch dann, wenn es die Einsicht ist, dass wir uns keine Empathie entgegengebracht wird. Es ist in den meisten Fällen keine böse Absicht. Sondern fehlende Erfahrung, Selbstschutz oder einfach eine andere Lebenseinstellung.

⬆️ Nach oben



JE 2026-08

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert