Kinder brauchen Großeltern. Und wenn sie fehlen?

Kinder brauchen Großeltern. Und wenn sie fehlen?

Kinder brauchen Großeltern für ihre gesunde Entwicklung. Diese These stellen Studien und Fachbücher auf. Großeltern schenken Zeit, Liebe und Vertrauen. Sie haben immer etwas zu erzählen, bringen Zeit für Spiele mit oder sind mit den Enkeln unterwegs. Die Bindung vieler Jungen und Mädchen an ihre Großeltern ist tief und setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Oma und Opa können in komplizierten Entwicklungsphasen liebevoller Berater und Vertrauensperson für die Enkel sein. Sie haben eine andere Perspektive, Abstand von der Erziehungsarbeit und sie bringen Lebenserfahrung mit. Doch was ist mit Kindern, die keine Großeltern haben? Weil sie verstorben sind, weil sie Oma und Opa nicht kennen oder weil kein Kontakt besteht? Zwischen Verlust und Verbot liegt ein entscheidender Unterschied – vor allem aus Sicht der Kinder.

Vom Glück, Großeltern zu haben

Meine Großeltern durften mich durch meine Kindheit und Jugend begleiten. Das war in meiner Generation eher eine Ausnahme: Mein Mann und viele meiner Freunde und Mitschüler hatten keine Großväter, weil sie im Krieg gefallen waren. In unserer Familie gab es ein wenig Glück: Mein Opa mütterlicherseits wurde im 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Dass er Arzt war und den „Feind“ selbstlos behandelte, rettete ihm das Leben. Der Vater meines Papas beschloss einige Tage vor Kriegsende, vom polnischen Standort seines Lagers nach Hause zu laufen. Er hatte keine Lust mehr. Zivile Kleidung, viele Verstecke und der nahende 8. Mai 1945 schützten sein Leben. Wir Kinder hätten ihn nicht kennengelernt, wenn er als Deserteur gestellt worden wäre.

Meine Omas waren sehr unterschiedlich. Mütterlicherseits Pfarrerstochter und Arztgattin, väterlicherseits Tochter eines Obstzüchters. Beide schenkten mir so unendlich schöne Stunden, die heute, Jahrzehnte später, als wunderbare Erinnerungen in mir wohnen. Zwischen 1984 und 1988 starben meine Großeltern. Ich war in dieser Zeit ein Teenager und hätte mir so gewünscht, dass sie mein Leben noch länger begleitet hätten. Doch ein hohes Alter und schwere Erkrankungen wollten es leider anders.

Von meinen Großeltern bekam ich viel Zeit und noch mehr Liebe. Mit meiner Omi väterlicherseits spielten wir spielten Schach und Kartenspiele nach unseren eigenen Regeln. Oma mütterlicherseits hörte sofort auf zu spielen, wenn jemand schummelte. Das hatte ihr Vater auch so gehalten. Wir Enkel liebten beide Varianten des gemeinsamen Spiels. Kochen, backen, Gartenarbeit, Zeit mit Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen sind in meiner Erinnerung fest verankert. Für mich war es ein großes Glück, dass ich meine Omas und Opas hatte. Nach ihrem Tod habe ich sie so lange vermisst. Heute wären alle über 100 Jahre alt. Trotzdem fehlen sie mir.

Die enge Bindung zwischen Großeltern und Enkeln ist für beide Seiten wichtig und unbezahlbar.

Ich bekam vier Kinder und freute mich auf den Tag, irgendwann in der Zukunft, in der ich selbst Oma sein durfte. Meinen Enkeln wollte ich all das geben, was ich selbst von meinen Großeltern bekommen hatte: Zeit, Liebe und schöne Stunden. Doch das Leben kann auch anders sein.

Nur eine Oma für meine Kinder

Mein Mann hatte nur eine Oma, die ihm während seiner Kindheit und Jugend die Aufmerksamkeit schenkte, die mein Bruder, meine Cousins, meine Cousinen und ich bekamen. Es war die Mutter seines Stiefvaters. Die Mutter seines leiblichen Vaters lernte er nie kennen. Seine Oma mütterlicherseits war, vermutlich durch die Flucht aus Deutsch-Böhmen, traumatisiert und konnte sich nicht auf ihre Enkel einlassen. Da gab es schon mal einen Schlag ins Gesicht und die Nase blutete. Sowas war in meiner Familie undenkbar. Wir Enkel mussten uns an Regeln halten. Geschimpft wurde schon einmal, wenn wir über die Stränge schlugen. Doch geschlagen wurden wir nie.

Unsere Kinder hatten nur eine Oma, da meine Schwiegermutter ihre lieblose Kindheit nie verwinden konnte. Geflüchtet als Kleinkind nach Mecklenburg mit vier Geschwistern. Der Papa im Krieg verschollen, die Mutter verbittert. Das hinterließ Spuren. Ihren Söhnen konnte meine Schwiegermutter keine Liebe schenken. Unsere Kinder, ihre Enkel, maß sie an den Schulnoten und dem Berliner Dialekt. Beides passte ihr nicht. So konnte sich nie eine gute Beziehung entwickeln.

Der Stiefvater meines Mannes hatte nur an seinen leiblichen Enkeln Interesse. Er schaffte es nie, zu seinem Stiefsohn eine Bindung aufzubauen. Das übertrug sich natürlich auf unsere Kinder. Sie waren zwischen sechs und 13 Jahre alt, als ihr Cousin geboren wurde. Was hatte sich mein Stief-Schwiegervater über seinen „ersten“ Enkel gefreut!

Mein Mann lernte seinen leiblichen Vater erst nach seinem 50. Geburtstag kennen. Es entwickelte sich eine harmonische Beziehung, auch zu unseren Kindern. Doch sie waren zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsen und konnten die Bindung aus der Kindheit nicht mehr nachholen.

Wenn Träume zerbrechen

Als Teil der Familie meines Mannes erkannte ich, dass mein Verhältnis zu meinen Großeltern außergewöhnlich eng und liebevoll war. Mein Wunsch, meine eigene Kindheit an meine Enkel weiterzugeben, blieb in mir. Ich war eine junge Mama, und ich wurde eine junge Oma: Mit 40 hielt ich mein erstes Enkelkind in den Armen. Doch nur für kurze Zeit. Ich musste einsehen, dass ein gutes Verhältnis innerhalb der Familie von allen Seiten gewünscht sein muss. Und ich lernte zu verstehen, dass sich die Zeiten geändert hatten: Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass Großeltern ihre Enkel aufwachsen sehen.

Ich habe meine Herkunftsfamilie sehr positiv beschrieben, doch natürlich gab es so manchen Krach. Nicht zwischen Großeltern und Enkeln, aber zwischen unseren Eltern und ihren Geschwistern. Auch war meine Mutter nicht immer damit einverstanden, wie sehr meine Omi väterlicherseits mich verwöhnte. Dennoch wurde es uns Kindern nie verboten, unsere Großeltern zu sehen.

Mein Mann wuchs mit einem solchen Verbot auf: Wenn sich seine Mutter mit ihrer Schwiegermutter stritt, durfte er sie nicht besuchen. Gestritten haben wir mit unserem Sohn und seiner Frau nie. Wir haben die Enkel auch nicht über Gebühr verwöhnt. Anteil an ihrem Leben hatten wir trotzdem nur wenige Jahre. Es ging auf und ab. Bis der Kontakt komplett abriss und meine Träume, als junge Oma die Enkelkinder zum Erwachsenwerden begleiten zu dürfen, zerbrachen.

Drei ferne und zwei nahe Enkel

Heute haben wir fünf Enkelkinder. Drei leben in unserer Straße, aber sie sind uns fern. Gründe, die zu den Kontaktabbrüchen führten, wurden uns im Detail nicht benannt. Ghosting ist der moderne Begriff für das, was wir als Großeltern erlebten. Wir verbrachten einen wunderbaren Tag gemeinsam mit den Enkeln im Tierpark. Dann begann das Schweigen.

Die beiden anderen Enkel leben ebenfalls in unserer Stadt. Der Ältere wurde geboren, bevor wir ihn als Großeltern in die Arme schließen durften. Er war sieben Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Anders als meine Schwiegereltern, sind wir sehr glücklich, dass er zu unserer Familie gehört. Er ist gern bei uns. Wir genießen die gemeinsame Zeit. Mal sagt er Oma und Opa, dann nennt er uns wieder beim Vornamen. Mit ihm spielen wir Brettspiele, machen Ausflüge, verbringen Zeit miteinander.

Wir mussten unseren 50. Geburtstag weit hinter uns lassen und ein fünftes Enkelkind bekommen, um es nach der Geburt im Arm halten zu dürfen und endlich sagen zu können, was für viele Omas und Opas selbstverständlich ist: Dich dürfen wir von Anfang an aufwachsen sehen. Dich dürfen wir als Großeltern ins Leben begleiten. Es ist ein wunderschöner Lebensabschnitt, den wir uns lange erträumt haben und den wir sehr genießen.

Was Großeltern ihren Enkeln geben können

Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit der Großelternschaft beschäftigen. Sie sagen aus, dass Großeltern Vertrauenspersonen sind, die raten und schlichten können, wenn es mit den Eltern einmal schwierig wird. Ich habe das auch erlebt, doch auf einer anderen Ebene als heute: Meine Großeltern, geboren zwischen 1899 und 1913, haben verlangt, dass wir unseren Eltern Respekt und Höflichkeit entgegen bringen. Sie haben uns zugehört, aber dennoch bekamen wir diese Werte vermittelt.

Heute ist das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln ein anderes. Es ist offener, freundschaftlicher, und es bewegt sich auf einer anderen Ebene. Dennoch können Großeltern unterstützten und bei Konflikten helfen. Wenn Enkelkinder heranwachsen, in die Pubertät kommen und von den Eltern genervt sind, ist eine Vermittlung besonders wichtig und hilfreich.

Die Eltern-Zeitung zitiert eine Umfrage von preply, in der 49 Prozent der 1.500 Befragten angeben, dass sie sich bei Problemen lieber mit den Eltern als mit den Großeltern austauschen. Eine noch größere Anzahl der Befragten, nämlich 69 Prozent, sagt, dass sie lieber Zeit mit den Großeltern als mit den Eltern verbringen. Da würde ich mich sofort anschließen. Was aber ein wenig ungerecht ist, da meine Eltern meinem Bruder und mir wirklich eine schöne Kindheit geschenkt haben.

Gemeinsame Zeit ist unbezahlbar

Die gemeinsame Zeit zwischen Großeltern ist begrenzter, je älter sie bei der Geburt des Enkelkindes sind. Wenn wir gesund bleiben, sind wir Mitte 70, wenn unser derzeit jüngstes Enkelkind erwachsen wird. Da wir vier erwachsene Kinder haben, bleibt uns die Hoffnung auf weitere Enkel, deren Aufwachsen wir erleben dürfen.

In Deutschland gibt es einen Trend zur späten Mutterschaft. Entsprechend älter sind Oma und Opa. Und umso wichtiger ist die unbezahlbare gemeinsame Zeit, die beide miteinander verbringen dürfen. Nicht nur Brettspiele, Schach, Spaziergänge und gemeinsame Gartenarbeit prägen die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln. Es gibt noch viel mehr.

  • Zeit und Aufmerksamkeit für gemeinsame Nachmittage zu Hause, Ausflüge oder Urlaubsreisen.
  • Emotionale Stabilität: Großeltern sind Vertrauenspersonen. Sie hören zu, trösten und können bei Konflikten stabilisieren.
  • Wissen und Werte: Viele Enkel lieben Geschichten von früher. Sie haben Anteil an den Hobbys der Großeltern oder tauschen sich über die Generationen hinweg aus. Oma erzählt von den Briefen, die sie ihrer ersten Liebe schrieb. Das Enkelkind erklärt die Funktionen von Social Media.
  • Entlastung für die Eltern: Eltern haben Freiräume bei der Planung der Berufstätigkeit oder der Freizeit. Die Kinder bekommen eine enge Bindung an die Großeltern
  • Finanzielle Zuwendungen: Wenn Großeltern über die entsprechenden Mittel verfügen, können sie ihren Enkeln Geldgeschenke zukommen lassen. Das Studium, der Führerschein oder das erste Auto sind häufige Zuwendungen. Gesetzlich ist das klein Problem: Enkel dürfen bis zu 200.000 EUR steuerfrei von ihren Großeltern bekommen.

Die finanzielle Zuwendung habe ich ganz bewusst an das Ende der Liste gesetzt. Sie ispielt aber in der Regel nicht so eine wichtige Rolle, wie die Verbundenheit und die gemeinsamen Erlebnisse. Auch kleine Geschenke gehören dazu: Zum Geburtstag, zum Zeugnis oder einfach zwischendurch.

Kinder ohne Großeltern – eine Lücke im Leben

Viele meiner Mitschüler und Freunde waren traurig, dass sie ohne Opa oder ohne Opa aufwachsen mussten. Damals waren Trennungen seltener als heute. Krankheiten oder der Krieg waren die wesentlichen Gründe dafür, dass die Großeltern fehlten. Doch auch damals gab es Kinder, die ihre Großeltern nicht kannten. Mein Mann entstammte einer Affäre. Die Mutter meiner besten Freundin wollte ein Kind, aber keinen Partner.

Heute sind Familienbeziehungen komplexer. Für Kinder ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sie mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Sie können durch das Patchwork mehrere Großeltern haben. Oder sie haben gar keine, weil sie Oma und Opa nie kennenlernten, weil beide verstorben sind oder weil die Eltern den Kontakt nicht wünschen.

Rückblick auf gemeinsame Momente

Unsere drei Enkel, an deren Leben wir nicht teilhaben dürfen, gehen damit ganz unterschiedlich um. Die Älteste blockiert ihre sozialen Netzwerke und schweigt. Zu dem Jüngsten haben wir nur wenig Bindung, weil wir nicht viel Zeit miteinander verbringen durften. Die mittlere Enkelin gibt uns bei zufälligen Begegnungen das Gefühl, dass sie traurig ist. Sie winkt oder sagt „Hallo Oma“. Manchmal steht sie am Gartenzaun oder sie sitzt auf dem Bordstein gegenüber unseres Hauses. Wir leben an einer Spielstraße. Sieht sie uns, läuft sie schnell weg.

Unsere Enkel waren sehr gern bei uns. In den Jahren, in denen wir es durften, haben wir viel miteinander unternommen und auch zu Hause schöne Stunden miteinander verbracht. Die Liste, die ich weiter oben erstellte, beruht auf unseren Erfahrungswerten. Heute sehen wir auf den Fotos aus dieser Zeit Lachen, Fröhlichkeit, Albernheiten und wertvolle Erinnerungen. All das hätten wir unseren Enkeln gern weiterhin geschenkt.

Verstorben – Unbekannt – Kontaktverbot

Die Lücke im Leben, die fehlende Großeltern bei den Enkeln hinterlassen, hat unterschiedliche Ausprägungen. Sind sie verstorben, ist das ein Schicksal, mit dem sie aufwachsen. Gleiches gilt, wenn sie ihre Großeltern gar nicht kennen.

Ein Kontaktverbot ruft andere Emotionen vor. Weil wir betroffen sind, habe ich in den vergangenen Jahren viele Artikel und Meinungen zu dem Thema gelesen. Wie es scheint, sind wir kein Einzelfall. In meiner Kindheit wäre ein Kontaktverbot zu den Großeltern undenkbar gewesen. Aber wir gehören einer Generation an, in der wir froh waren, dass Oma und Opa die Weltkriege überlebt hatten.

Heute sind Großeltern eher eine Selbstverständlichkeit, als eine Ausnahme. Die Menschen werden immer älter. Kriege mussten wir glücklicherweise nicht erleben. Ist diese Selbstverständlichkeit der Grund dafür, dass junge Eltern es nicht mehr schätzen, dass ihre Eltern die Enkel aufwachsen sehen dürfen?

Nicht immer gibt es Gründe für ein Kontaktverbot

Die Meinungen zu den Gründen für das Kontaktverbot gehen weit auseinander. Oft werden Probleme in der eigenen Kindheit thematisiert. Die Enkelkinder sollen vor den Großeltern geschützt werden. Es gibt Großeltern, die an ihren Enkeln nur wenig Interesse zeigen. Diese Erfahrung haben wir in der Familie meines Mannes machen müssen.

Über Kontaktabbrüche innerhalb der Familie habe ich einen eigenen Artikel verfasst. Es ein Thema, das in meiner Familiengeschichte eine Rolle spielt: Ich denke, dass viele Autoren eigene Lebenserfahrungen in ihre Bücher einbringen. Mein Mann und ich haben beide Seiten erlebt: Ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern, das einen harmonischen Kontakt unmöglich machte. Und den Kontaktabbruch unseres Kindes. Wir kennen den Grund nicht. In einem persönlichen Gespräch während der Zeit, die wir miteinander verbrachten, konnten uns die jungen Leute nicht sagen, warum sie diesen Schritt gegangen sind.

Manchmal passen die Lebensentwürfe nicht zusammen. Oder es gibt soziale Gründe: Nicht jeder kann oder will in einer großen Familie einen Platz finden. Menschen, die selbst in schwierigen Verhältnissen aufwachsen mussten, haben Angst vor Nähe und Harmonie.

Wir Großeltern müssen es akzeptieren. Nicht zuletzt zum Wohle der Kinder, die durch die Achterbahn aus Nähe und Distanz verunsichert werden. Das ist der Grund, warum wir entschieden haben, unsere Enkelin nicht anzusprechen. Wir winken ihr zu, sagen „hallo“, aber suchen ansonsten keinen Kontakt. Eines Tages kommt sie vielleicht von selbst. Wenn sie ein wenig älter und reifer ist, um Fragen zu stellen.

Kontaktverbot zu den Großeltern: Schadet es den Enkeln?

Diese Frage stelle ich mir oft. Ich weiß, dass sie pauschal nicht zu beantworten ist. Weil jede Familie anders ist. Die Gründe für das Kontaktverbot sind verschieden. Und nicht alle Enkelkinder lieben ihre Großeltern so sehr, wie ich, als ich ein Kind war. Oder wie mein Mann seine Stiefomi liebte.

Meine Kinder hatten mit zunehmendem Alter keine Lust, ihre Großeltern väterlicherseits zu besuchen. Das konnten wir ihnen nicht übel nehmen: Unser Sohn sagte im Alter von etwa zwölf Jahren einmal, dass sich Oma weder für seine Hobbys noch für seine Freunde interessieren würde. Sie fragt nur nach den Schulnoten. Das stimmte leider.

Was unsere fernen Enkelkinder betrifft, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht schenkt uns die Zeit Antworten, denn Kinder werden irgendwann erwachsen. Bei unserer mittleren Enkelin, die uns durch ihre Gesten zeigt, wie sehr sie uns vermisst, bin ich sicher, dass sie eines Tages Fragen stellen wird. Bei den anderen beiden weiß ich es nicht.

Ich habe einmal nach professionellen Meinungen recherchiert. Wann schadet ein Kontaktverbot den Enkeln, und wann ist es sogar der bessere Weg?

Wenn Eltern enge Verbindungen trennen

Ob ein Kontaktverbot zu den Großeltern dem Kind schadet, hängt von der Bindung ab, die Großeltern und Enkel zueinander entwickelt haben. Großeltern gehören zur sogenannten „inneren Familie“. Sie sind Vertrauenspersonen und können den Enkeln Sicherheit und innere Stabilität geben. Hat sich eine solche Verbindung entwickelt. kann ein Kontaktverbot für die Kinder nachteilig sein.

  • Die Kinder verlieren Sicherheit. Vertraute Personen, bei denen sich das Kind wohlfühlt, sind plötzlich nicht mehr da. Der verlorene Rückhalt kann sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken.
  • Verlust der Identität. Die Großeltern gehören zur Familie. Sie sind ein Teil der eigenen Geschichte. Viele Kinder lieben es, in die Vergangenheit ihrer Eltern einzutauchen. Sie hören gern zu, wenn Oma und Opa erzählen, und entdecken ihre eigenen Wurzeln. All dies fällt weg, wenn der Kontakt untersagt wird.
  • Emotionale Belastung. Auch wenn es zu den Großeltern keinen Kontakt gibt, spüren die Kinder die Spannungen innerhalb der eigenen Familie. Kommt das Kontaktverbot sehr plötzlich, kann das die Kinder verunsichern und zu Reaktionen führen, die der Trauer nach dem Tod eines Menschen sehr ähnlich sind.

Im Grashüpfer-Magazin habe ich einen Artikel gefunden, der das Thema neutral betrachtet. Und der darauf hinweist, dass der Kontakt zwischen Großeltern und Enkeln nur bei einem liebevollen Verhältnis zueinander förderlich ist. Sind Eltern und Großeltern zerstritten oder gibt es Loylitätskonflikte, kann das den Kindern ebenso schaden.

Gedanken über unsere Enkel

Wir waren mit unseren Enkelkindern im Berliner Tierpark und hatten dort einen sehr schönen Tag. Unser Enkel liebte Dinosaurier. Diese waren im Tierpark in einer Dinowelt ausgestellt. Wir versprachen ihm, vor dem Ende der Ausstellung noch einmal hinzufahren.

Dieser Tag, der uns heute auf vielen Fotos zeigt, dass unsere Enkel ganz viel Spaß hatten, war der letzte, den wir mit ihnen verbringen durften. Nach einer Textnachricht, die eine Absage zur Geburtstagsfeier meines Mannes enthielt, war Schluss. Das vierte Mal in den fünfzehn Jahren, in denen unser Sohn sein Leben mit unserer Schwiegertochter bis dahin teilte. Immer war es das gleiche Schema: Die vorherigen Abbrüche erfolgten nach dem Umzug unseres Sohnes zur späteren Schwiegertochter, nach einem gemeinsamen Weihnachtsfest und nach einem gemeinsamen Urlaub. Erklärungen gab es nie.

Die Familie nutzte Geburtstage, um nach drei bis sechs Jahren zurückzukommen. Immer war die Freude groß. Heute fragen wir uns oft, was all dies mit unseren Enkeln macht. Zumal sie zu ihren anderen Großeltern keine enge Bindung haben: Der Opa väterlicherseits möchte keinen Kontakt. Die Oma lebt ein ausgefülltes Leben mit vielen Reisen und eigenen Hobbys. Man sieht sich zu Geburtstagen und zum Weihnachtsfest. Nur zu einer Uroma besteht ein liebevoller Kontakt. Meinen Enkeln wünsche ich so sehr, dass diese Uroma lange lebt. Denn mit ihr werden sie den letzten Rückhalt der „älteren Generation“ verlieren.

Das Umgangsrecht für Großeltern

Uns ist bewusst, dass wir als Großeltern ein Umgangsrecht erwirken könnten. Das wird auch im verlinkten Gradhüpfer-Artikel thematisiert. Wir haben in all den Jahren nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, diese Option zu nutzen. Unseren Enkeln würde ein erzwungener Kontakt nicht helfen. Zudem gelten wir als „zerstritten“: Das werten Gerichte oft als Möglichkeit für neue Konflikte. Und das zu Recht.

Die einzige Antwort, die uns ein solches Verfahren geben würde, wäre der Grund, aus dem die Kontaktabbrüche erfolgten. Da wir eine enge Verbindung nachweisen könnten, müssten sich die Eltern womöglich erklären. Doch wir möchten keine Angriffsfläche bieten und die Kinder nicht noch weiter verunsichern.

Wir haben das Glück, mit zwei weiteren Enkelkindern gesegnet zu sein. Und wir haben ein ausgefülltes Leben: Noch sind wir berufstätig. Wir verbringen Zeit mit unseren Eltern, mit unseren anderen Kindern, es gibt Freunde und viele Hobbys. Unser Leben ist ausgefüllt.

Initiativen für verlassene Großeltern

Manchmal denken wir darüber nach, uns einer Großelterninitiative anzuschließen. Es gibt verschiedene Vereine, in denen sich betroffene Großeltern austauschen können. Uns zeigt das, dass die Kontaktverbote kein Einzelfall, sondern ein gesellschaftliches Problem sind. Seit meiner Kindheit haben sich die Familienstrukturen komplett verändert. Trennungen, Scheidungen und Patchwork sind keine Ausnahme, sondern eher die Regel.

Eltern von Söhnen sind häufiger von einem Kontaktabbruch betroffen. Nach einer Trennung bleiben Kinder in den meisten Fällen bei der Mutter. Der Kontakt zu den ehemaligen Schwiegereltern bricht ab. Lernt sie einen neuen Partner kennen, nimmt sie ihr Kind mit in die neue Familie. Die leiblichen Großeltern väterlicherseits verlieren den Kontakt zum Kind.

Wir bleiben Eltern unseres Sohnes – ein Leben lang

Differenzen zwischen Schwiegerkindern und Schwiegereltern sind bei einer Schwiegertochter häufiger, als bei einem Schwiegersohn. Das ist eine statistische Betrachtung, die in der Familie unseres Sohnes stimmt: Er hat zu seiner Schwiegerfamilie ein sehr gutes Verhältnis. Seine Beziehung zur eigenen Familie ist nicht nur zu uns eingeschlafen: Zu seinen Brüdern und den Großeltern besteht allenfalls ein sporadischer Kontakt. Dabei hat er seine Oma sehr geliebt.

Ich erspare dir und mir den Spruch, dass wir Mütter nur so lange einen Sohn haben, bis er eine Frau findet. Zu drei unserer vier Söhne haben wir eine enge Bindung erhalten. Die jungen Frauen aus diesen Verbindungen bereichern unsere Familie. Uns gibt es die Gewissheit, dass wir vielleicht Fehler gemacht, aber nicht alles falsch gemacht haben.

Deshalb möchte ich diesen Spruch zitieren, in dem in meinen Augen ganz viel Wahrheit steckt:

Das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarste, was er im Leben besitzt, ist die Familie.

Adolph Kolping

Wir sind dankbar, für die Zeit, die wir mit unserer großen Familie verbringen können. Die Traurigkeit über die fernen Enkel bleibt ein Stachel, mit dem wir leben müssen. Doch wir freuen uns über das, was wir haben. Und uns bleibt die Hoffnung, dass wir unsere fernen Enkel eines Tages wieder in die Arme schließen können und unser Sohn die Familie vielleicht doch ein wenig vermisst.

Den Verlust tragen, das Verbot verstehen

Eingangs sprach ich von dem entscheidenden Unterschied zwischen dem Verlust der Großeltern, weil sie früh verstorben sind, und einem Kontaktverbot. Unsere Kinder wuchsen ohne Großväter auf. Es gehörte zu ihrem Leben dazu. Wir haben ihnen erklärt, warum mein Vater früh verstarb, warum der Stiefopa für sie keine Liebe empfinden konnte und dass wir ihren leiblichen Opa nicht kennen.

Unser jüngster Sohn hatte zwei Freunde, die mit ihren Großeltern in einem Mehrfamilienhaus zusammenlebten. Traurig oder eifersüchtig war er nicht, dass er selbst keinen Opa hatte. Doch er wusste, dass seine leiblichen Großväter in seinem Leben nicht existierten. Sein Stiefopa war so abweisend, dass eine Bindung gar nicht erst entstehen konnte.

Ich habe ihn gefragt, wie er sich gefühlt hätte, wenn sein Opa in unserem Ort gelebt hätte, wir ihm aber den Kontakt verboten hätten. Er meinte, dass das etwas völlig anderes gewesen wäre und dass er darüber nachgedacht hätte, warum er seinen Opa nicht besuchen darf.

Gespräche, Toleranz und gegenseitige Wertschätzung

Einen Verlust müssen Kinder tragen. Ein Verbot müssen sie verstehen. Für meine Enkel hoffe ich, dass ihnen erklärt wurde, warum sie mit uns keine Zeit verbringen dürfen. Vielleicht gibt es einen Grund, den wir nicht kennen.

Meine Gedanken möchte ich mit dem Wunsch abschließen, dass Eltern niemals ohne Grund einen Kontaktabbruch zwischen Kindern und Großeltern herbeiführen. Es ist ein Stachel im Leben, der weh tut. Mit einem Gespräch, mit gegenseitiger Wertschätzung und ein wenig Toleranz kann es auch bei Konflikten gelingen, eine gesunde Familienstruktur zu erhalten.

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JE 2026-07

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