AnNa R. und Rosenstolz: Danke für die Musik

AnNa R. und Rosenstolz: Danke für die Musik

AnNa R. ist tot. Die Nachricht schoss heute wie ein schwarzer Blitz durch die sozialen Netzwerke und die Medien. Sie lässt mich fassungslos zurück. Schockiert und traurig. Denn die Musik von Rosenstolz begleitete mein Leben seit 1998 wie keine andere. Damals legte ich mein Abitur im Zweiten Bildungsweg ab. Mit einem jungen Mann schloss ich mich zu einer Fahrgemeinschaft zusammen. In seinem Auto lief eine CD. Alles Gute von Rosenstolz. Ein Best of aus den ersten Jahren der Band. Die Musik ließ mich nie wieder los. Rosenstolz gibt es seit 2012 nicht mehr. Nun ist ein Comeback ausgeschlossen. Ich blicke zurück, auf ein Stück Musikgeschichte, das ich miterleben durfte. Und ich sage danke, an Peter und AnNa R.: Es ist ein aus tiefstem Herzen kommendes Danke, für diese wunderbare Musik.

AnNa R. bei einem Konzert in Schwerin. Bleistiftzeichnung. Privataufnahme vom 18. November 2008
AnNa R. bei einem Konzert in Schwerin am 18. November 2008. Das Foto habe ich aufgenommen und zu einer Bleistuftzeichnung umgewandelt

Schlampenfieber, immer wieder rockt das Mieder

Wir schreiben das Jahr 1998. Der junge Bengel bremst vor unserem Haus. Die Reifen quietschen. Musik dröhnt aus den Boxen seines Renault 19. Es ist ein eher uncooles Modell mit Stufenheck, doch er ist so unfassbar stolz, auf sein erstes Auto. Und auf die Musikanlage mit der Bassbox, die er selbst eingebaut hat.

Schlampenfieber, immer wieder rockt das Mieder. Was nützt all die Megapower, wenn die Schönheit nicht von Dauer.

Schlampenfieber von Rosenstolz aus dem Album „Soubrette werd ich nie“ von 1992

Ich nenne den Jungen Paul, wie in meinem unvollendeten Romanmanuskript „In den Wellen deiner Leidenschaft“. Er inspirierte mich zu der Geschichte und er brachte mir die Musik von Rosenstolz nahe. Meine Protagonisten lieben sie. Genauso wie ich.

Als ich Schlampenfieber das erste Mal vor meiner Haustür hörte, dachte ich, was ist das für Musik? Jeden Tag fuhren Paul und ich zusammen zur Schule. Der Fahrtweg dauerte knapp eine Stunde, etwa so lange lief das Album Alles Gute. Auf dem Beifahrersitz hatte ich Gelegenheit, die Musik auf mich wirken zu lassen. Ein paar Tage später kaufte ich mir das Album im Media Markt. Es gab noch kein Streaming und keine Downloads. Wir hörten ganz klassisch CDs.

Zwei Coming-Outs

Ich war schockverliebt, in die wunderbare Stimme der Sängerin und in die Texte. Auch in Peter, den musikalischen Partner, der nach der Aussage meines Kumpels Paul schwul war und unverschämt gut aussah. AnNa und er hätten nie etwas miteinander gehabt, erzählte Paul mir und schob sein eigenes Coming-Out gleich hinterher. Da saßen wir bei schönstem Wetter vor einem Bäcker in der Nähe unserer Schule. So richtig schwul wäre er aber nicht, sagte Paul, damals 20 Jahre alt, und biss in sein belegtes Brötchen. Gelaufen wäre mit einem Mann noch nichts. Gerade hätte er sich von seiner Freundin getrennt. Verliebt war er in ein anderes Mädchen. Melle. Verlegenes Grinsen begleitete seine Worte.

Ich grinste ebenfalls. Meine Gedanken flogen zwölf Jahre zurück. Ich war 16 und hatte ich mich verliebt. Zwei Wochen lief das. Dann machte der Typ mit mir Schluss. Er weinte. Warum machst du Schluss und heulst dabei? Wir können doch zusammen sein. Irgend so etwas dachte ich damals. Aber nee, wir konnten nicht zusammen sein. Und warum nicht?

Das erfuhr ich ein paar Jahre später. Der Typ verkaufte Bockwürste an einem Mitropa-Stand im Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Ich war mittlerweile verheiratet, schwanger, und ich schob meinen nagelneuen leeren Kinderwagen vor mir her. Den hatte ich im Centrum-Warenhaus ergattert. Nun kaufte ich bei meinem Ex eine Bockwurst. Er erzählte, dass er einen Freund hätte. Plötzlich verstand ich das tränenreiche Beziehungsende. Wir blieben fast 30 Jahre befreundet, dann trennte uns das Leben.

Kleine Notiz am Rande: Er liebte die Musik von Rosenstolz und ist heute sicher genauso fassungslos wie ich.

Die Siegessäule berichtete von Rosenstolz

Nun also das Coming-Out von Paul. Der kramte vor dem Bäcker eine Zeitschrift aus seinem Rucksack. Siegessäule hieß sie. Es handelte sich um ein Berliner Magazin für Schwule und Lesben. Er blätterte darin herum und erzählte, dass er Rosenstolz aus dieser Zeitung kannte. Sie würden seit einigen Jahren in kleinen Clubs auftreten. Dort hatte er sie einmal gesehen, seitdem wäre er Fan.

Bis heute beneide ich Paul und alle Fans der ersten Stunde um das Erleben dieser frühen Auftritte. Einige kannst du dir im Youtube anschauen. Sie sind so wunderbar frei von Konventionen und einem professionellen Management. Die Songs aus dieser Phase liebe ich am meisten.

Die Musik von Rosenstolz wurde gern als schwul bezeichnet. Vornehmlich von Kritikern, die mit dem Genre, das in keine Schublade passte, nichts anfangen konnten. Doch AnNa und Peter machten ihre Fans unabhängig von deren Liebesleben glücklich. Bei den Balladen des Duos, und da gibt es einige, knutschten auf den Konzerten Paare jeden Alters miteinander. Egal, wie sie liebten.

Die Anfänge in kleinen Clubs

Anna Rosenbaum und Peter Plate verband die Liebe zur Musik. Er komponierte, sie sang, gemeinsam schrieben sie die Texte. Der Dritte im Bunde, Ulf Leo Sommer, blieb im Hintergrund. In ihrer ersten Nacht in Peters Küche waren AnNa und Peter allein. Sie machten Musik.

Ich werde unseren ersten gemeinsamen Abend niemals vergessen. Wir tranken Schaumwein, du erzähltest mir, du wolltest Jazzsängerin werden, und ich wollte Popmusik machen. Noch in derselben Nacht gingen wir zu mir und nahmen einen Song auf – ich war hingerissen von deiner Stimme, von deiner Art zu singen, von deiner Gabe, jedes unserer Lieder in die schönsten Farben zu hüllen.

Peter Plate am 17. März 2025 zum Tod von AnNa R. auf Facebook und Instagram

1991 gründeten die beiden Rosenstolz, ein Jahr später kam das erste Album auf den Markt: Soubrette werd ich nie. Sie performten diesen Song bei vielen Auftritten. Hätte er mir spontan gefallen, wenn ich in dieser Zeit nicht zwei kleine Kinder gehabt, sondern die Berliner Bars unsicher gemacht hätte? Mit Sicherheit. Dieser Mix aus klassischem Gesang und Pop hat mich sofort gepackt.

Hier siehst du ein Video von einem frühen Auftritt. Die Anmoderation der damals noch unbekannten Band hat heute Kultstatus.

In den Clubs hatte Rosenstolz nicht nur treue Fans: Es gab Auftritte, bei denen sie ausgebuht wurden. Dennoch ließen sie sich nicht beirren. Sie arbeiteten an neuer Musik und traten regelmäßig auf.

Bis 1997 nahmen sie fünf Alben auf. Dann kam mit dem Vorentscheid vom Grand Prix d’Eurovision de la Chanson die große Chance. Sie brachten ein Best-Of-Album heraus. Darauf waren auch neue Songs zu hören.

„Alles Gute“ und „Herzensschöner: Der Durchbruch

1998 traten Rosenstolz mit dem Titel Herzensschöner beim Grand-Prix-Vorentscheid auf. Sie belegten hinter Guildo Horn den zweiten Platz. Ich bin wohl nicht die Einzige, für die das bis heute unverständlich ist.

In dem Video stellen sich AnNa und Peter im Bett vor.

Wir stehen eher für Liebe, Lust, Erotik, Leidenschaft. Und Sex.

AnNa und Peter. 1998

Das ist die doch perfekte Erklärung für meine Rosenstolz-Leidenschaft, oder? Liebe, Lust und Leidenschaft – die Schublade meiner Schreibwerkstatt. Das Video kannst du dir auf YouTube anschauen. Herzensschöner hat in meiner Rosenstolz-Playlist einen Platz auf den vordersten Rängen. Wir haben ihn so oft gehört, bei den gemeinsamen Fahrten zur Schule und zurück, und laut mitgesungen.

Apropos Erotik: Auf dem Album Alles Gute hört sie sich so an:

Steig aus deiner Hose, zeig mir deine Rose, lass die Knospe sprießen, lass Champagner fließen.

Rosenstolz „Nymphoman“ vom Album „Alles Gute“ 1998

Nymphoman ist einer der vier neuen Songs des Albums und ein typischer „Rosenstolz der Anfangsjahre“. Je größer der Erfolg, je stärker der Mainstream. Ohne Zweifel Lieder blieben gut. Aber sie waren anders. Vielleicht wurden Rosenstolz auch einfach nur erwachsen.

Alben und Lieblingslieder

Du siehst, das Repertoire von Rosenstolz ist groß. Es passt in keine Schublade. Schauen wir mal rein, in die Discographie: Nachdem ich Alles Gute auswendig konnte, wollte ich mehr. Nach und nach legte ich mir die bis 1998 erschienenen fünf Studioalben zu. Sie enthielten wahre Schätze. Meine Favoriten liste ich dir auf … sie sind öfter mal abseits vom Mainstream angesiedelt. Hör sie dir gern an, wenn du Rosenstolz bislang nur aus dem Radio kennst.

Soubrette werd ich nie (1992)

Das erste Album ist so genial, es ist schwer, den absoluten Favoriten zu definieren. Ich beschränke mich auf drei Songs.

  • Klaus-Trophobie
  • Wenn Du aufwachst
  • Ich geh jetzt aus (sonst geh ich ein)

Wenn Rosenstolz die alten Songs auf ihren Konzerten gespielt haben, war das ein echtes Erlebnis! Die Fans waren textsicher und sangen im Wechsel mit AnNa einfach alleine weiter. Gänsehaut!

Nur einmal noch (1994)

Auf dem zweiten Album ist mein Highlight tatsächlich Nur einmal noch. Ein herrlich erotischer Song mit einer Line, die mich immer wieder begeistert.

Nun stehst du hier, und ziehst dich aus, ich werd zum Stier und du zur Maus.

Rosenstolz „Nur einmal noch“ aus dem gleichnamigen Album von 1994

Das rollende „r“ im „Stier“ gibt dem Song die Würze. Unbedingt anhören!

Mittwoch is er fällig (1995)

Ganz ehrlich? Es ist das Album, das ich am seltensten höre. Hier haben nur wenige Titel einen Platz in meiner Playlist gefunden. Dafür ist ein Song dabei, der mich tief berührt. Sanfter Verführer. Der Titel erschien später in akustischen Versionen, in denen AnNas wundervolle Stimme noch mehr zur Geltung kommt. Es ist ein Trennungslied, das die Hoffnung auf ein Wiedersehen ausspricht. Ein bittersüßer Schmerz, den die meisten von uns kennen. Meistens kam er oder sie nicht zurück. Nur die Wunde blieb. Vielleicht konnte sie der Song den Schmerz ein wenig heilen. Er gibt dir das Gefühl, mit deinen Emotionen nicht allein zu sein.

Objekt der Begierde (1996)

Jetzt kannst du dir, wenn du magst, den ersten Platz auf meiner ewigen Rosenstolz-Playlist anhören: Der Moment. Rosenstolz spielten ihn auf jedem Konzert. Es gibt eine Aufnahme vom Schlachthof in Berlin aus dem Jahre 1996, die ich total mag. Aber die unterschiedlichen Live-Versionen sind auch richtig gut.

Auch „Der Moment“ ist ein Trennungslied. Es beschreibt das Gefühlschaos nach dem Auseinanderbrechen einer großen Liebe. Der Text trifft genau das, was du in dieser Situation fühlst.

Trennung und Verlust ist ein großes Thema, bei Rosenstolz. Manchmal habe ich mich gefragt, warum.

Objekt der Begierde: ein weiterer Song aus der Rubrik „Erotik“. Aber das ist ja am Titel unschwer zu erkennen.

Die Schlampen sind müde (1997)

Das Album liebe ich. Es enthält Songs, die nicht nur in meiner Playlist, sondern auch in den Konzerten echte Evergreens waren.

  • Die Schlampen sind müde
  • Königin
  • Wir tanzen Tango
  • Alles wird besser
  • Wenn du jetzt aufgibst

Auch auf diesem Album siehst du wieder die Facetten der Texte: Zur Liebe und dem Verlust kommt das leere Gefühl nach einer durchzechten und durchgetanzten Nacht. Wir tanzen Tango ist weniger bekannt, aber ein echter Rosenstolz-Geheimtipp!

Zucker (1999)

Zucker war das erste Studioalbum, das ich am Erscheinungstag kaufte. Der Song Perlentaucher erinnert mich an die Abi-Zeit: Die Fahrgemeinschaft mit Paul behielt ich über die drei Jahre bei. Perlentaucher war unser Favorit. Nackt ist mein Geheimtipp: Ein wenig mysteriös, geht der Song rein, ins Ohr und in die Seele.

Kassengift (2000)

Das Album hatte ich so sehnlichst erwartet, ich bekam es zum Geburtstag geschenkt. Die Karriere von Rosenstolz nahm Fahrt auf, aus den kleinen Bars wurden größere Hallen. Das Album enthält richtige gute Songs, du kannst es rauf und runter hören. Meine Geheimtipps: Die schwarze Witwe mit Nina Hagen und die wunderschöne Ballade Sag doch.

Waren doch gemeinsam schwach. Lagen miteinander wach. Wo ist unsere Sehnsucht hin? Sag doch! Hab ich diese Welt zerstört? Nicht genügend zugehört? Oftmals nur an mich gedacht? Sag doch!

Rosenstolz „Sag doch“ aus dem Album „Kassengift“ aus dem Jahr 2000

Und wenn du Balladen magst: Es ist vorbei beschreibt unsere Gefühle, wenn wir Trennung und Abschied erleben müssen und nach Worten suchen, die uns einfühlsam erklären, was wir gerade durchleben.

Ja, ja, ich will (2000)

Im Jahr 2000 war Deutschland noch sehr viel konservativer als heute. Begriffe wie „LGBTQIA+“ und „Ehe für alle“ waren noch nicht geprägt. Rosenstolz nahmen gemeinsam mit Hella von Sinnen einen Song auf, der als Hymne für alle Menschen in die Analen der Musikgeschichte einging, die ihren gleichgeschlechtigen Partner heiraten wollten.

Ja, ja, ich will ist ein klassischer Ohrwurm. Obendrein fand ich das Video so genial, dass ich es hier verlinken möchte. Du siehst eine typische Hella von Sinnen mit ihrer damaligen Partnerin Cornelia Scheel und Peter Plate mit seinem Lebensgefährten Ulf Leo Sommer. Beide heirateten zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Songs in Berlin als eine der Ersten, nachdem der Bundestag ein entsprechendes Gesetz auf den Weg gebracht hatte. Der damalige Regierende Bürgermeister Köaus Wowereit war einer der Gäste.

AnNa R. heiratete im gleichen Nilo Neuenhofen, einen MTV-Produzenten. Auch er spielt im Video mit. Vor zwei Jahren soll er verstorben sein. Es ist ein Gerücht, das nie dementiert wurde. Wenn es stimmt: Hat sein Tod AnNas Herz gebrochen?

Macht Liebe (2002)

Auf diesem Album sind Ich verbrauche mich und Tag in Berlin meine Lieblinge. Das Konzert in haben wir leider nur auf DVD gesehen. Die Sternraketen waren ein Charthit, doch ich habe die Balladen auf dem Album lieber gehört.

AnNas neuer Style mit knallroten Haaren und den langen glatten Zopf passte zum Album und zu ihrer Wandelbarkeit. Später entschied sie sich für einen natürlichen Look. Beides passte zur jeweiligen Musik und beides stand ihr richtig gut.

Herz (2004)

Liebe ist alles ist der kommerziell größte Hit der Band. Er ist mit Rosenstolz und dem, für was die Band stand, untrennbar verbunden. Der Song ist Teil meiner Rosenstolz-Playlists. Aber ich muss zugeben: Mein absoluter Favorit war Liebe ist alles nie. Vielleicht wurde er zu oft gespielt, vielleicht traf er einfach nicht meinen tiefsten Nerv.

Liebe ist alles – der größte Hit

Ich höre ihn gern ich rezitiere ihn, singe ihn mit. Seit heute läuft er als mein privates Instagram-Banner. Wer weiß … vielleicht kann ich ihn jetzt besser zu würdigen und er rutscht auf meiner persönlichen Playlist ein Stück nach oben. Ich verlinke das Video von der Das grosse Leben-Tour aus dem Jahre 2006. Wir haben das Konzert in Berlin gesehen. Ein unvergessliches Erlebnis.

Auf dem Album findest du mit Willkommen einen weiteren großen Hit. Für mich sind Herz und die drei noch folgenden Alben einfach perfekt. Ich kann mir jeden der Songs immer wieder anhören. Aber das geht sicher allen Rosenstolz-Fans so.

Das grosse Leben (2006)

Mit dem Album Das grosse Leben begann für uns die Zeit der Konzerte. Auch im Regen ist ein Song, der mich bis heute ganz tief berührt. Ich verlinke die Live-Version, weil es ein so einzigartiger Moment war, AnNa dieses Lied singen zu hören. Wir hatten das Konzert in Berlin besucht. Die Aufnahme ist aus Dresden.

Das Album hielt sich ewig in den Charts. Nun füllte Rosenstolz die großen Hallen, gewann Preise, lief im Radio und in den Discotheken. Da wir die weitere Geschichte kennen, frage ich mich heute, ob dieser berauschende Erfolg der Anfang vom traurigen Ende war, das mit einer Pause begann?

Die Suche geht weiter (2008)

Dieses Album schließt sich im Stil an den Vorgänger an. Die Songs gehen ins Ohr. Sie sind moderner, als die Lieder auf den ersten Alben, und sie sind perfekter. Aber trotzdem hat Rosenstolz den unverkennbaren sanften Sound nie verloren. Wie weit ist vorbei ist mein Song, auf diesem Album. Das offizielle Video berührt. Doch ich verlinke die Live-Version von der Tour. Wir besuchten das Konzert in der Berliner Wuhlheide. Es war ausverkauft, die Stimmung war genial und schaffte unvergessliche Momente.

Ende 2008 brachte Rosenstolz eine Live-Version des Albums heraus. Darauf waren neue Songs enthalten. Es gab eine weitere Tour. Wir waren am 18. November 2008 in Schwerin dabei. Im Januar sagte Rosenstolz alle weiteren Konzerte ab. Peter war an einem Burn-Out erkrankt.

Wir sind am Leben (2011)

Das letzte Studioalbum enthält einzigartige Songs, die du einfach nur genießen kannst. Wir fahren ein altes Cabrio: Durch das nächtliche Berlin zu brausen, im Sommer, wenn der noch warme Wind um die Ohren weht, und den Song Irgendwo in Berlin auf volle Lautstärke zu drehen, ist ein Genuss, denn du dir, wenn möglich, irgendwann mal gönnen solltest.

Zu diesen letzten Album gab es kein Konzert mehr. Rosenstolz verkündeten im Jahre 2012 eine Pause auf unbestimmte Zeit. Sie sollten nie mehr zurückkehren.

Das Video zu Wir sind am Leben mit Katrin Sass in der Hauptrolle ist ein Kurzfilm, den ich mir unzählige Male angeschaut habe. Einfach, weil er vom Leben erzählt. So, wie alle Lieder von Rosenstolz. Vielleicht ist das der Grund, warum die Musik so berührt. Jeder hat das Gesungene schon einmal erlebt, jeder findet sich wieder.

Drei wunderbare Coversongs

Rosenstolz hat, bis auf wenige Ausnahmen, die Musik selbst geschrieben. Zu diesen Ausnahmen gehören drei Coversongs, die AnNa mit ihrer einzigartigen Stimme besser sang, als das Original. Meine Meinung!

  • “Wo bist du?“ von Silly
  • “Ohne dich“ von Selig
  • “Als ich fortging“ von City

Die Songs waren eine Beigabe der Extended-Versionen, die Rosenstolz von ihren Alben herausgaben. Sie gehörten zu den Klassikern auf den Konzerten. Ebenso wie Lachen: Den Song aus dem Jahre 1995 fand ich auf den Konzerten toll, in der Playlist lief er nicht so oft.

Rosenstolz – keine Musik hat mich mehr berührt

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht übertreibe: Kein Musiker, keine Band, keiner der Songs, die mein Leben bislang begleitet haben, haben mich mehr mehr berührt, als die Lieder von Rosenstolz.

Die Lieder, ihre Stimme vereinen Rock-Pop-Fans, die queere Community und bisher nicht verstandene Seelen.

Bericht des „heute journal“ vom 17. März 2025

Ich reihe mich bei den nicht verstandenen Seelen ein: Die Themen, Liebe, Abschied, Verlust und Freundschaft, sprechen mich an. Es sind die Themen meiner Bücher und die Themen des Lebens, mit denen wir alle irgendwann einmal konfrontiert werden. Einer von uns lebt sie weniger intensiv, der andere mehr. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Und deshalb habe ich mich so stark wiedergefunden, in den Texten der Musik von Rosenstolz.

Mama, das ist Depri-Mucke

Unsere Kinder wuchsen – gezwungenermaßen- mit Rosenstolz auf. Der Jüngste begleitete uns am 22. Juni 2007 zu dem Konzert in die Berliner Wuhlheide. Da war er fünf Jahre alt, saß bei Papa auf den Schultern und sang laut und textsicher Schlampenfieber mit. Der ist ja süß, sagten zwei Mädels, die vor uns standen. Das war er wirklich. Dieses Bild darf ich mit seiner Erlaubnis posten.

Mit den Jahren wandelte sich sein Musikgeschmack zu etwas anderen Genres. Stichwort Bushido. Ich mag den Rapper, beim Echo 2011 schlugen zwei Herzen in meiner Brust.

Unser ältester Sohn berinflusste uns und auch den Kleinen. Der übrigens weder frauenfeindlich noch schwulenfeindlich ist, obwohl er neben Rosenstolz auch Bushidos Texte in frühem Kindesalter auf die Ohren bekam. Bei einem Altersunterschied von 14 Jahren bleibt das nicht aus, wenn man gemeinsam unter einem Dach lebt. Aber ich vertrete ohnehin die Meinung, dass Reden und Aufklären besser ist als Meckern und Verbieten. Damit bin ich ganz gut gefahren. Denn jugendfrei war und ist auch Rosenstolz nicht in jedem Song. Es ist nur ein anderes Genre.

Unser Ältester war ein junger Erwachsener, als Rosenstolz im Zenit der Karriere stand. Er sprach von Depri-Mucke, die Mama hoch und runter hörte.

Unrecht hatte er damit nicht. Mainstream-Songs wie Gib mir Sonne, Ich bin ich oder Wir sind am Leben machen gute Laune, wenn sie im Radio laufen. Sie sind tanzbar, vor allem die Versionen auf den Singles, die von Mousse T. und anderen DJs gemixt wurden. Doch es gibt die Depri-Mucke, die unser Ältester meinte, denn die lief in unserem Auto und auf der heimischen Anlage öfter, als die Radio-Hits. Die Songs findest du auf den Alben. Manchmal hat Rosenstolz sie auf ihren Konzerten gespielt. Drei von ihnen fallen mir spontan ein: Ganz unten, Es ist vorbei, Sag doch.

Ich liebe die Balladen von Rosenstolz

Ja, auch heute gibt es die Depri-Playlist noch, auf der nur Balladen zu hören sind. Doch gerade die Songs sind es, die ich persönlich von Rosenstolz am meisten liebe.

Ich habe heute mit meinem jüngsten Sohn telefoniert. Er war auch traurig und er verstand, dass mich dieser plötzliche Tod sehr berührt. Vielleicht findet er eines Tages zurück, zur Musik von Rosenstolz. Bestimmt könnte er sie heute noch mitsingen. Wenn er es wollte.

Wie sie „Langeweile besäuft sich“ ins Mikro singt, das ist schon geil, sagte mein dritter Sohn heute zu mir. Ebenfalls am Telefon. Die Line ist aus dem Coversong Ohne Dich von Selig. Er ist sehr offen, was Musik betrifft, hört querbeet und hat einige Songs in seiner Playlist. Zu einem Konzert kam er nie mit. Aber kritisiert hat er die Musik auch nicht.

Nach den Telefonaten habe ich mir die Depri-Playlist auf die Ohren gelegt und bin eine Stunde Fahrrad gefahren. Am See, auf einer Bank in der Sonne, dachte an eine Zeit, die so lange her ist. Und für immer vorbei.

Ein Jubiläum, das es nie gab

Ich würde vorschlagen, zum 30-jährigen Jubiläum machen wir das alle zusammen. Da freue ich mich jetzt schon drauf.

Peter Plate im Konzertvideo „Das grosse Leben“ am 6. Mai 2006 in Dresden. Er sang den Titel „Die Zigarette danach“ und zog nach Aufforderung des Publikums sein T-Shirt aus. Rosenstolz-Fans wissen, warum 🙂

Das 30-jährige Jubiläum der Band wäre im Jahre 2021 gewesen. In der Corona-Zeit hätte es sicher verschoben werden müssen. Aber die Fans hätten auch zwei Jahre später mitgefeiert. Oberkörperfrei oder nicht. Leider hat es dieses Jubiläum nie gegeben.

Die Hoffnung auf ein Comeback

Gemeinsam mit tausenden anderen Fans trug mich die Hoffnung auf ein Comeback von Rosenstolz. Offiziell trennten sich AnNa und Peter nie. Sie sprachen von einer Pause. 2018 gab es ein Best of-Album mit einem unveröffentlichten Song, der einige Hoffnungen schürte. Wenn es jetzt losgeht, hieß er. Der rbb strahlte 2024 eine vierteilige Doku aus, in der AnNa und Peter über ihre Karriere sprachen und ihre gemeinsame Zukunft offen ließen. Unsere Lesart war: Sie kommen wieder. Irgendwann.

Heute schrieb die BILD: Noch einmal Rosenstolz im Stadion? Gab es Überlegungen, den Fans einen Abschied zu schenken? Der BILD-Autor ist überzeugt, dass Rosenstolz das Olympiastadion gefüllt hätten. Ich auch. Wir wären dabei gewesen. Wäre unser Sohn mitgekommen? Ich frage ihn mal.

Nun ist dieser Traum begraben. Gemeinsam mit Annas einzigartiger Stimme und ihrem kühlen Berliner Charme. Was uns, den Fans bleibt, ist die Musik. Rosenstolz hat Musikgeschichte geschrieben, war heute überall zu lesen. Wir haben es 14 wunderbare Jahre miterlebt.

AnNa R. hatte viele Pläne

Drei Tage vor ihrem Tod postete AnNa ein Video auf ihrem offiziellen Instagram-Account: Ein Ausschnitt aus einem Song, den sie auf ihrer Tour spielen wollte. 20 Konzerte waren für den Herbst geplant, das letzte sollte im November 2025 in ihrer Heimatstadt Berlin stattfinden. Ich hatte überlegt, hinzugehen. Ihre Musik als Solokünstlerin hat mich nie so berührt wie die Songs von Rosenstolz. Aber sie hatte alte Lieder im Repertoire. Und ihre einzigartige Stimme brachte sie ja mit. Irgendwo tief in meinem Herzen hatte ich Lust, sie live zu hören.

Vor ihrem Soloprojekt hatte sie mit Gleis 8 eine eigene Band. Sie trat mit Silly auf. Heute wurde bekannt, dass sie eine Stelle als Gastdozentin der Koblenzer Uni im Fach Poetik antreten wollte. Das Leben sollte weitergehen. Die Karriere war kleiner, aber die Konzerthallen füllten sich dennoch. Und den Fans blieb die Hoffnung, auf das Rosenstolz-Comeback. Denn Singen, das konnte AnNa. Mit ihren alten Songs hatte sie nicht abgeschlossen.

Danke!

Danke, AnNa und Peter, für Eure Musik. Für die einzigartigen Konzerte. Für Lieder, die uns getragen haben, durch gute Zeiten und durch solche, die schwieriger waren. So viele Songs haben unser Herz berührt. Sie fanden genau die Worte, die wir brauchten, um uns in der einen oder anderen Lebenssituation verstanden zu fühlen. Sie haben unsere Seelen berührt. Uns sie werden uns weiter begleiten, auf dem Weg, der noch vor uns liegt.

AnNa R. war so alt wie ich. In unserem Alter kommt der Tod zu früh. Er kam auch für das engste Umfeld der Künstlerin überraschend. Wurde sie, wie so viele vor ihr, ein Opfer ihres Erfolges? Ein Opfer ihrer verletzten Seele? Denn wer so emotionale Songs schreibt, muss eine stark empfindsame Seite haben.

Wieder am Boden, wieder ganz unten
Wir wollten hoch hinaus
War viel zu weit für uns
Und jetzt sind wir hier regungslos
Uns viel zu nah, endlos fern

Ganz unten (Oktober). Aus der EP „Es könnt ein Anfang sein“ 2001.

Wir sind traurig und schockiert. Ein kleines Stück unseres Lebens ist heute mit AnNa gestorben. Weil wir mit der Musik so viele Erinnerungen verbinden. Und weil wir in den Jahren, in denen Rosenstolz uns die Lieder schenkte, viel Außergewöhnliches erlebt haben. Sie gehören zu denen, die in unseren Herzen tief verankert sind.

Eine letzte kleine Anekdote

Ich werde dieser Tage das Manuskript von In den Wellen Deiner Leidenschaft einmal herauskamen. Mein kleines Werk, in dem die Protagonisten die Musik von Rosenstolz so lieben. Was aus Paul wohl geworden ist? Wie hat er die Nachricht aufgenommen? Er war doch schon vor mir ein großer Fan. Grüße gehen raus, unsere Wege trennten sich, mehr als zwei Jahrzehnte ist es her.

Von Max habe ich noch gar nicht gesprochen. Er war auch in der Abiturklasse, damals 19 Jahre alt und sehr befremdet, von Rosenstolz. Die Schlampen sind müde: Ich liebe diesen Song und spielte ihn total gern. Max bekam schon bei den ersten Takten Schnappatmung.

Wir trafen uns vor einigen Wochen eher zufällig. Und jetzt, lieber Max, weißt du, dass du gemeint bist. Ich bin sicher: Auch, wenn du nie der ultimative Fan von Rosenstolz warst, hat dich die Nachricht heute bestürzt. Und sie hat Erinnerungen wachgerufen. Peter Plate hat den Song Die Zigarette danach in einer französischen Version veröffentlicht. Kennst du sie? Du liebtest unseren gemeinsamen Französischunterricht ja genauso wie die Musik von Rosenstolz. Nicht!, würde mein jüngster Sohn jetzt sagen. Auch an dich gehen Grüße raus.

So sind es die Erinnerungen, die in uns bleiben. An die Konzerte, an die Vorfreude auf neue Alben und an all die persönlichen Erlebnisse, die wir mit der Musik verbinden. Sie bleibt in unseren Herzen. Und AnNa R. bleibt unvergessen.

Der letzte Auftritt von AnNa R. im Fernsehen: Am 16. Mai 2023 stellt sie im ZDF-Fernsehgarten ihren Song „Astronautin“ vor. Viele Fans schrieben heute in den sozialen Netzwerken, dass sich ihr Wunsch aus dem Song nun erfüllt hätte: Ab heute ist sie schwerelos und frei. Sicher wird es ihr damit gut gehen.

© Jette G. Schroeder | © mohammed_hassan | pixabay


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